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Rezension: Sachbuch : Unterhaltungen mit Herr und Knecht

  • Aktualisiert am

Denis Diderots "Jacques le fataliste et son maître" betritt Seelenpfade · Von Ernst Osterkamp

          7 Min.

          Sommerzeit, Reisezeit: Lesezeit! Zum Beispiel neulich auf dem Flughafen Mailand Malpensa: Unruhig wandert der Blick des Reisenden im Terminal auf den Monitor, der unerbittlich alle zwanzig Minuten eine weitere Verschiebung des Abflugtermins anzeigt, bis sich auch die letzte Hoffnung verflüchtigt, das für den Abend verabredete Rendezvous noch zu erreichen. Fatal! Der Gefahr, in seinem Zorn nun sozial auffällig zu werden, entgeht der Reisende nur durch die Einsicht, dass dies alles dort oben, irgendwo im Luftraum, längst geschrieben stehen müsse, und durch den Griff nach einem guten Buch. Und er beginnt zu lesen: "Wie waren sie zu einander gekommen? - ,Von ungefähr, wie das gewöhnlich der Fall ist.' - Wie hießen sie? - ,Was kann euch daran liegen?' - Wo kamen sie her? - ,Aus dem nächst gelegenen Orte.' - Wo wollten sie hin? - ,Weiß man je, wohin man will?'"

          Das ist der Trost, dessen der Reisende angesichts des Scheiterns der providentiellen Kompetenz selbst der Flugpläne bedarf. Ein Friede, der höher ist denn alle Vernunft, legt sich auf seine Seele, und tiefe Heiterkeit erfüllt seine Brust von dem Augenblick an, da Jakob zum ersten Mal das Wort an seinen Herrn richtet: "Sein Hauptmann habe gesagt, alles, was uns hienieden Gutes oder Böses begegne, stehe dort oben geschrieben." "Das war ein vielsagendes Wort", entgegnet hierauf lapidar sein Herr, und eben weil es ein vielsagendes Wort ist, bedarf es der vielfachen Explikation, Umschreibung und Beglaubigung in Gestalt jener wundersam verschlungenen Erzählungen, aus denen Denis Diderot seinen philosophischen Roman "Jacques le fataliste et son maître", der natürlich wie alle guten Romane gar kein Roman sein will, hat entstehen lassen.

          Und schon beginnt Jakob mit der Erzählung seiner Liebe. Da aber dort oben geschrieben steht, dass er bei der Erzählung seiner Liebesbegebnisse sehr häufig unterbrochen und deshalb dafür, sie zu Ende zu bringen, ungefähr so lange brauchen wird wie Tristram Shandy, um auf die Welt zu kommen, wandert der Blick des Reisenden im Terminal fortan unruhig auf den Monitor, um sich die Gewissheit zu verschaffen, dass sich der Abflugtermin auch fernerhin verschieben möge, denn was interessiert ihn noch sein eigenes Rendezvous, wenn er doch erfahren möchte, wie Jakobs Liebesgeschichte zu Ende geht. Reisezeit, Lesezeit . . .

          Aber ist diese zielstrebige Fixierung auf ein Ende wirklich die dem Buch angemessene Art der Lektüre? Wer heute "Jacques le fataliste" in die Hände nimmt und sich von Diderots Witz und Geist auf die Jakobsleiter der philosophischen Erkenntnis führen lässt, wird das Buch jedenfalls kaum anders lesen, als Goethe dies am 3. April 1780 tat, als ihm eine französische Abschrift in die Hände geriet: "von 6 Uhr bis halb 12 Diderots Jacques le Fataliste in der Folge durchgelesen mich wie der Bel zu Babel an einem solchen ungeheuren Maale ergözt und Gott gedanckt dass ich so eine Portion mit dem großen Apetit auf ein mal als wärs ein Glas Wasser und doch mit unbeschreiblicher Wollust verschlingen kann".

          Diderot dürfte diese Art literarischer Gefräßigkeit seinem Werke ungemäß erschienen sein. Denn er rechnete mit einem Leser, dem der Weg alles, das Ziel nichts ist. Er schrieb den Roman für die Bezieher der handschriftlich vervielfältigten "Correspondance littéraire", die Melchior Grimm 1753 gegründet hatte und die seit 1775 von Jacob Heinrich Meister redigiert wurde; abonniert aber wurde sie von den für die Ideen der Aufklärung aufgeschlossenen Fürstenhäusern Europas. Diderots Roman lag der "Correspondance" in monatlichen Lieferungen vom November 1778 bis zum Juni 1780 bei; für die aristokratischen Kenner erstreckte sich das Vergnügen der Lektüre, mit Leselust und stets erneuerter Vorlust auf die nächste Lieferung, also über fast zwei Jahre. Mit einer Lust aber, die aus einer Strategie der kalkulierten Verzögerung erwächst, weiß der bürgerliche Leser nichts mehr anzufangen, denn sie setzt einen unerschöpflichen Reichtum an Zeit voraus. Für den Bürger unterliegt gerade die Zeit dem Gesetz der Ökonomie, und deshalb will er auch als Leser rasch ans Ziel und stürzt den Roman in sich hinein wie ein Glas Wasser.

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