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Rezension: Sachbuch : Untergänge in wunderbaren Rettungsbojen

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Um 1960 war der letzte Schrei bei den Fernsehgeräten das zeilenfreie Bild. Da die um den Nierentisch versammelten Familien aber den augenärztlich empfohlenen Betrachtungsabstand einhielten, bekamen sie davon gar nichts mit, und die umsatzheischende Innovation setzte sich nicht durch: Technikgeschichte ist auch eine Geschichte der Sackgassen.

          Um 1960 war der letzte Schrei bei den Fernsehgeräten das zeilenfreie Bild. Da die um den Nierentisch versammelten Familien aber den augenärztlich empfohlenen Betrachtungsabstand einhielten, bekamen sie davon gar nichts mit, und die umsatzheischende Innovation setzte sich nicht durch: Technikgeschichte ist auch eine Geschichte der Sackgassen. Die Unterwasserkamera war ein Erfolg, aber das elektrische Kopfmassagegerät ist ein Ladenhüter. "Das fliegende Schiff" von Adam Hart-Davies berichtet über solche nicht ganz optimalen Erfindungen, hauptsächlich aus England und Amerika im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Der nostalgische Charme alter Stiche erhöht den Reiz des Buches.

          Es gibt immer noch keinen zuverlässigen Test, um im voraus die klaren Denker von den Wirrköpfen zu unterscheiden. Schlimmer noch: Ein und dieselbe Person kann beides in sich vereinen. Rudolf Diesel ließ sich 1897 ein elektrisches Schienenfahrzeug patentieren, das per Kabel mit einem Ballon verbunden war und diesen mit Strom versorgte. Eigentlich hätte ihm schon der gesunde Menschenverstand sagen müssen, daß so etwas allenfalls in der Lüneburger Heide bei Windstille funktioniert.

          Das Buch beginnt mit neuartigen Fortbewegungsmitteln zu Lande, zu Wasser und in der Luft. François Barathon Aîné aus Paris erfand 1895 eine wunderbare Rettungsboje. Sie wurde mit Pedalen und Handkurbeln angetrieben und hatte zwei Propeller - einen hinten als Antrieb und einen unten, "um nicht zu sinken". Auf dem dazugehörigen Bild - aber auch nur dort - quert ein Schiffbrüchiger die hohen Wellen mit einer solchen Gelassenheit, als ob er sich gerade entschlossen hätte, seine Reise zur Insel Miquelon einfach fortzusetzen.

          Sir Henry Bessemer, der Erfinder des Bessemerprozesses zur Stahlherstellung, litt sehr unter der Seekrankheit. Deshalb ließ er ein Schiff bauen, das die Passagiere keinen schwankenden Bewegungen aussetzte. Die Kabine war drehbar gelagert und hatte einen niedrigen Schwerpunkt wie ein Stehaufmännchen. Er nannte das Fahrzeug vermutlich deshalb "Bessemer", weil alle seine Leidensgenossen dann gleich wissen würden, wer ihr Wohltäter war.

          Bei der Jungfernfahrt von Dover nach Calais stellte sich heraus, daß sich die "Bessemer" nicht steuern ließ. Ohne jede heftige Bewegung rasierte sie in Calais am 8. Mai 1875 die Landungsbrücke ab. Das "fliegende Schiff" des Titels kommt im Buch leider nur als Zeichnung vor. Und diese Flugmaschine von W. Ayres von 1885 erinnert in der Tat an nichts, was sich je in die Lüfte erhoben hat. Sie besteht aus einer Art Bettgestell mit fünf Propellern, die mit Druckluft angetrieben werden.

          Manche der viktorianischen Erfindungen funktionierten im Prinzip, nur waren sie krude Prototypen, die ihrer Zeit weit voraus waren. Alexander Bain baute um 1840 - dreißig Jahre vor dem Telefon - eine Art Fax. Das zu übermittelnde Bild ätzte er auf eine Kupferplatte. In der Sendestation in Edinburgh und der Empfangsstation in Glasgow gab es jeweils ein Pendel. Beide wurden über eine Telegraphenleitung so synchronisiert, daß sie identische Bewegungen machten. Das eine Pendel tastete die Vorlage zeilenweise mit einer Kontaktbürste ab, das andere schrieb zeilenweise auf einem magnetisierbaren Blatt Papier. Naturgemäß war es viel effektiver, einfach einen Kurier nach Glasgow zu schicken.

          Das Buch liefert Geschichten über das Mäandern des Fortschritts. Manches ist völlig absurd, wie etwa die vergeblichen Versuche, ein Perpetuum mobile zu bauen, obwohl wir natürlich auch in diesem Fall nachträglich schlauer sind. Anderes wie die Druckluftbahn in New York unter dem Broadway funktioniert prinzipiell, aber es gab bessere Technologien. Wieder anderes wie das Fahrrad oder das Wasserklosett entwickelte sich langsam zu etwas Brauchbarem. Adam Hart-Davies ist ein in Großbritannien vielbeschäftigter Technikjournalist und Fernsehproduzent. Sein Bändchen erweckt bisweilen den Eindruck, daß es bei anderen Recherchen nebenbei entstanden ist. Aber immerhin: Der Autor hat hübsche Funde gemacht und präsentiert sie amüsant.

          ERNST HORST.

          Adam Hart-Davies: "Das fliegende Schiff und andere Erfindungen, die fast funktionierten". Aus dem Englischen von Fritz Glunck. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001. 159 S., Abb., br., 8,50 [Euro]

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