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Rezension: Sachbuch : Unsere große Stadt

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Historiographisches Paradebeispiel: Mary Ryan feiert die urbane Öffentlichkeit Amerikas

          5 Min.

          Öffentliche Feste in den Vereinigten Staaten? Da gibt es die New Yorker "Macy's"-Paraden, riesige Disney-Figuren, Luftballons und Konfetti; oder "Mardi Gras", den Karneval in New Orleans: kommerzialisierte Volksbelustigungen, denen ein politischer Anspruch längst nicht mehr innewohnt. Doch das war nicht immer so: In der guten alten Frühzeit der Demokratie, als seit den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts das Wahlrecht für weiße Männer allgemein geworden war, die Lebensverhältnisse und sozialen Größenordnungen aber noch überschaubar blieben, waren die städtischen Straßen und Plätze Nordamerikas ein lebendiger Raum der politischen Meinungsbildung, das Aktionsfeld einer vielfältig differenzierten Gesellschaft, deren Gruppen sich in Kundgebungen und Versammlungen, Paraden und Prozessionen darstellten.

          Nach der Jahrhundertmitte zerbrach diese politische Kultur der partizipatorischen Demokratie unter dem Ansturm von Industriekapitalismus und Bürokratisierung, von innerer Gewaltsamkeit und unüberbrückbaren "rassischen" Differenzen. Aus Politik wurde Spektakel, aus Vielfalt Gegnerschaft; öffentliche Räume wurden von der Ausdehnung privater Sphären zurückgedrängt, und politische Bräuche mündeten immer mehr in Rituale der Gewalt, in jene blutigen innerstädtischen Unruhen, die besonders seit den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ein Merkmal der amerikanischen Gesellschaft sind.

          Das ist, in gedrängter Form, der "plot" der Geschichte, die Mary Ryan erzählt. Die Verfasserin, Historikerin an der University of California in Berkeley, gehört zu den renommiertesten Vertretern ihrer Zunft in den Vereinigten Staaten, und ihr neues Buch wird ihrem Ruf keinen Schaden zufügen, im Gegenteil. Es ist gründlich recherchiert - Tageszeitungen bilden die wichtigste Quelle -, es betritt Neuland, aber verliert sich nicht im Detail. Drei Städte stehen im Mittelpunkt: natürlich New York, dann New Orleans als eines der damals wenigen urbanen Zentren der Südstaaten und schließlich San Francisco, die schnell wachsende Metropole an der Pazifikküste. Bei allen Unterschieden waren dies Städte, die durch Einwanderer geprägt wurden und die deshalb eine heterogene Bevölkerung immer wieder auch symbolisch zusammenbinden mußten. Die Integration vollzog sich nicht zuletzt auf den Straßen, wo anläßlich von Festen eine Art "ceremonial citizenship" praktiziert wurde: Bürgerschaft durch aktive Teilhabe an öffentlichen Ritualen.

          Das wird, in einer symmetrisch angelegten Darstellung, in drei Teilen verfolgt: Zuerst geht es um das demokratische "Kaleidoskop" des zweiten Jahrhundertviertels, der Zeit der höchsten Blüte von öffentlichen Festzügen und zivilen Paraden, deren vielleicht charakteristischstes Beispiel die New Yorker Feierlichkeiten zur Eröffnung des Erie-Kanals im Jahre 1825 waren. In einem kürzeren Mittelstück wird der Übergang von den "civic wars", den friedlichen bürgerlichen "Kämpfen um Anerkennung", wie man mit einem Leitwort der jüngeren Sozialphilosophie übersetzen könnte, zu den "civil wars", den gewaltsamen städtischen Bürgerkriegen der fünfziger und sechziger Jahre, geschildert: Als der "richtige" Bürgerkrieg 1861 begann, das zeigt die Autorin sehr eindringlich, war er in der lokalen Gesellschaft bereits durch eine stark angestiegene Gewaltbereitschaft und eine Militarisierung der Zivilgesellschaft vorbereitet worden.

          Der dritte, wieder ausführlichere Teil behandelt die öffentliche politische Kultur, einschließlich des Wandels der großstädtischen Kommunalpolitik, bis in die achtziger Jahre: An die Stelle des egalitären Kaleidoskops trat die Demokratie der Masse, die immer mehr bürokratisch eingehegt und von privaten Interessen kontrolliert wurde. All dies paßt zu dem auch hierzulande erwachten Interesse an der Kulturgeschichte von Festen, an der öffentlichen Inszenierung von gesellschaftlicher Ordnung. Unter dieser Perspektive wird man, auch als Nicht-Amerikanist, diese scharfsichtige Darstellung gerne lesen, mit großem Gewinn hinsichtlich vergleichender Perspektiven auf die deutsche und europäische Geschichte.

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