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Rezension: Sachbuch : Unedles Waidwerk: Alfred Weber wird beschuldigt

  • Aktualisiert am

Der Nazijäger Carsten Klingemann präsentiert eine infame Strecke

          Ungeachtet des knappen Verlusts der absoluten Mehrheit der NSDAP bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag am 5. März 1933 wird bald danach auch in Heidelberg die sogenannte "Hakenkreuzflagge", zusammen mit der schwarz-weiß-roten Fahne, auf öffentlichen Gebäuden gehißt. Daraufhin schreibt der Geheime Hofrat Alfred Weber, Professor für Soziologie und Direktor des "Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften" (InSoSta) der Universität Heidelberg, einen offenen Brief an den Heidelberger Oberbürgermeister, in dem er gegen derartige Aktionen protestiert. Wenige Tage später übernimmt der NS-Gauleiter Badens als "Reichskommissar" die Regierungsgewalt. Nun wird auch am Fahnenmast des "Palais Weimar", des Sitzes des InSoSta, die "Hakenkreuzfahne" von Mitgliedern des NS-Studentenbundes aufgezogen. Alfred Weber alarmiert den ihm persönlich bekannten städtischen Polizeidirektor, der zwar bereits vom Reichskommissar beurlaubt worden war, aber die Amtsgeschäfte noch nicht an seinen Nachfolger übergeben hatte. Dieser erklärt, daß die Hissung rechtlich nicht erlaubt sei, woraufhin Institutsdirektor Weber den Hausmeister anweist, die Fahne umgehend einzuholen.

          Am nächsten Tag wird die Fahne erneut von SA- und SS-Leuten aufgezogen. Der neue Polizeidirektor lehnt auf Anfrage des Rektors der Universität ein Eingreifen der Polizei ab. Aus Protest schließt Alfred Weber "sein" Institut. In einer außerordentlichen Sitzung des Engeren Senats der Heidelberger Universität wird beschlossen, die Direktionen der Universitätsinstitute zu ersuchen, "in der Frage der Flaggenhissung und im Treffen von Anordnungen, die auf die jetzige politische Lage Bezug haben, nicht selbständig vorzugehen".

          Erst als Reichskanzler Hitler die Anordnung des Reichspräsidenten Hindenburg im Radio verliest, daß es ab sofort gestattet sei, Hakenkreuzfahnen und schwarz-weiß-rote Fahnen auf öffentlichen Gebäuden als Flaggen des Deutschen Reiches zu hissen, fordert der Rektor der Universität die Institutsdirektoren auf, sich diese Fahnen zu besorgen. An erster Stelle seines Rundschreibens nennt er das InSoSta. Als Reaktion auf diese zweimalige Demütigung durch seine eigene Universität stellt Geheimrat Weber sein Emeritierungsgesucht, dem umgehend stattgegeben wird.

          Das sind die überprüfbaren Tatsachen, die bislang neben vielem anderen, was dieser liberale Gelehrte vor, während und nach der NS-Zeit gesagt, geschrieben und getan hat, dazu führten, in Alfred Weber einen "tadellosen Antifaschisten" (Klaus von Beyme) zu sehen.

          Die vorgelegte Sammlung der Forschungsergebnisse des Soziologiehistorikers Carsten Klingemann will Mythen erschüttern, so auch die "vielgerühmte Standhaftigkeit Alfred Webers". Seit etwa zwanzig Jahren bemüht der Professor am Fachbereich Sozialwissenschaft der Universität Osnabrück sich darum, alle "Nazis" unter den reichsdeutschen Soziologen zu enttarnen. Dabei ist Klingemann keineswegs allein. Eine Vielzahl von Publikationen bietet mittlerweile einen guten Stand des disziplinären und selbstkritischen Wissens über diese Epoche.

          Nach jahrzehntelanger Perpetuierung der Legende einer restlosen "Auflösung" der Soziologie im Deutschland des Nationalsozialismus kreist ein kleiner Ausschnitt der Diskussion ebenso einseitig um die radikale Gegenposition, die eine bruchlose Kontinuität der deutschen Soziologie behauptet. Die Soziologie der Wilhelminischen Epoche und der Weimarer Zeit habe, so die These, direkt in eine "Nationalsozialistische Soziologie" geführt. Carsten Klingemann vertritt diese Position besonders konsequent. Die nunmehr vorgelegte Sammlung soll beweisen, daß die deutsche "Reichssoziologie" im Nationalsozialismus, der von ihm als "technokratischer Interventionsstaat" auf industriekapitalistischer Basis definiert wird, als "Ordnungswissenschaft" wesentliche Beiträge zur Zerstörung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, zum Wüten von Rassismus, Judenvernichtung und Krieg erbracht habe.

          Daneben steht Klingemanns unausgesprochenes Ziel, die Kontinuitäten zwischen der NS-Soziologie und ihrer bundesdeutschen Nachfolge zu zeigen. Diese Zielsetzung versucht Klingemann durch die Errichtung eines soziologischen Gruselkabinetts in zwei Abteilungen zu erreichen: im ersten Saal stehen die eher unbekannten "Soziologen" von Hans Joachim Beyer bis Werner Ziegenfuß, die alle unstrittig mit dem NS-System aktiv verbunden waren. Da sich jedoch mit diesen Figuren keine sonderlich spektakuläre Geschichte erzählen läßt, öffnet Klingemann die Tür zu einem zweiten Saal, in dem die weitaus bekannteren Hans Freyer, Theodor Geiger, Willy Hellpach, Wilhelm Ernst Mühlmann, Johann Plenge, Erich Rothacker, Max Rumpf, Werner Sombart, Othmar Spann, Hans Lorenz Stoltenberg, Richard Thurnwald, Ferdinand Tönnies, Leopold von Wiese sowie Alfred und Max Weber gezeigt werden.

          Klingemann will beweisen, daß "die" Gesellschaftswissenschaften ganz generell über eine immanente Bereitschaft verfügen, selbst totale Herrschaftsansprüche zu legitimieren oder sich ihnen zumindest zu unterwerfen. Die Aktivitäten und Formulierungen der als NS-Soziologen identifizierten Personen und ihrer Schüler dienen der "Entlarvung" der "bürgerlichen Soziologie" allgemein.

          Klingemanns Sammlung "präfaschistischer", "profaschistischer" und "faschistischer" Äußerungen von "Soziologen" jener Tage ist aber nicht dazu geeignet, seine These zu belegen - ebensowenig wie es die noch so lückenlose Aufzählung von Mitgliedschaften, Ämtern und Funktionen des betreffenden Personenkreises ist. Gerade wenn man nach langer Zeit der Verdrängung und Verharmlosung zu der Erkenntnis kommt, daß auch "die" Soziologie ihre kritische, "oppositionswissenschaftliche" Unschuld in der Zeit des Nationalsozialismus verlor, müssen die Zusammenhänge um so redlicher und um so differenzierter untersucht werden. Und eben das leistet Klingemann nicht. Es entsteht sogar der Eindruck, daß er es absichtlich nicht tut.

          Die Rekonstruktion seiner systematischen Denunziation und des subtilen Rufmordes, den Klingemann an Ferdinand Tönnies, Leopold von Wiese, Alfred Weber, Max Graf zu Solms und Max Weber exekutiert, belegt diese Kritik. Klingemann verfolgt dabei im wesentlichen zwei Strategien: Zum einen rückt er die bislang für untadelig Gehaltenen in die gedankliche Nähe der Nazi-Ideologie, indem er zum Beispiel auflistet, wie häufig sich manche "Reichssoziologen" mit dem Werk Max Webers auseinandersetzten - dieser also durchaus kein "geächteter" war; oder indem er beispielsweise Webers Neffen, Eduard Baumgarten, Parteimitglied und Mitglied im NS-Lehrerbund und im NS-Dozentenbund, in die gedankliche Nähe seines 1920 verstorbenen Onkels stellt. Zum anderen konstruiert er ein untadelig antifaschistisches Verhalten, an dem er die von ihm untersuchten Soziologen mißt. Am Beispiel seines Vorgehens in Sachen Alfred Weber sei diese hinterhältige Vorgehensweise illustriert, nach dem Motto: Irgendwas wird schon hängenbleiben.

          Klingemann widmet in seinem Artikel über das InSoSta der erwähnten Hakenkreuzfahnen-Episode einen ganzen Abschnitt, wobei er die "gewöhnliche" Darstellung der "konventionellen Soziologiegeschichtsschreibung" korrekt wiedergibt. Was also ist dabei für ihn das Kritikwürdige an Alfred Weber? Zum einen, daß Alfred Weber sein Emeritierungsgesuch an den Heidelberger Rektor keineswegs unmittelbar nach der Flaggenaktion stellte, sondern erst einen Monat danach, und da auch erst lediglich um die Beurlaubung für das Sommersemester 1933 bat; außerdem äußerte er noch im Sommer 1934 dem US-amerikanischen Soziologen Earle Edward Eubank keine Illoyalität dem politischen System gegenüber - ganz im Gegenteil: Er bat den ausländischen Besucher, die Wahrheit seiner Zwangsemeritierung zu verschleiern und von ihm einfach nur als "emeritiert" zu reden.

          Nach einer detaillierten Erörterung der weiteren personellen und inhaltlichen Entwicklung des InSoSta nach der Entlassung von Alfred Weber, vor allem nach seiner Darstellung des unstrittig unheilvollen Wirkens von Carl Brinkmann, Arnold Bergstraesser, Andreas Pfenning und Horst Jecht, kommt Klingemann unvermittelt zum Schluß: "Auf jeden Fall konnte sich Weber mit den neuen Machtverhältnissen akkomodieren." Als "Beleg" für diese infame Anschuldigung dient ihm, neben den bereits genannten Verhaltensweisen Webers nach der Flaggenaffäre, die Tatsache, daß das Badische Kultusministerium Alfred Weber die Emeritusbezüge nicht entzog, obwohl es dazu rechtliche Möglichkeiten gegeben habe; hinzu kommt die Tatsache, daß ebendieses Ministerium dem 75jährigen zu seinem Geburtstag gratulierte, worauf Alfred Weber seine Visitenkarte mit einem Dankesgruß an das Ministerium geschickt habe!

          Carsten Klingemann hätte von Alfred Weber, der sich immer weigerte, als Wissenschaftler die Ideengeschichte der Menschheit bloß zu verwalten, viel lernen können. So etwa, daß die Soziologie nicht nur als "Schädelstätte menschlichen Geistes" zu verstehen sei, und ganz sicher nicht als posthumer Exekutionsplatz, sondern als "Kraftquell für die geistig-politischen Aufgaben der Gegenwart und Zukunft". Jemanden wie Alfred Weber, der von 1945 bis zu seinem Tod 1958 seine Professur für Soziologie in Heidelberg wieder wahrnahm, der zusammen mit Alexander Mitscherlich bereits von 1946 an offensiv ein Konzept eines "Freiheitlichen Sozialismus" entwickelte, der als einer der kritischsten Interpreten der Adenauer-Zeit die Wandlung der Deutschen zu einem "lammfrommen Ordnungstier" kritisierte, der seine Kultursoziologie immer als Freiheitslehre verstand, fast vierzig Jahre nach seinem Tod auf diese subtile Weise als Opportunisten zu verleumden, ist infam.

          Weder die Zugehörigkeit zum Geburtsjahrgang 1950, auch nicht die Erlangung eines Habilitationsstipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft und schon gar nicht die erfolgreiche Installation im deutschen Universitätssystem verleihen Klingemann die Lizenz für derartig verleumderische Diffamierungskampagnen an Wissenschaftlern, die sich nicht mehr wehren können. DIRK KAESLER

          Carsten Klingemann: "Soziologie im Dritten Reich". Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1996. 344 S., br., 98,- DM.

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