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Rezension: Sachbuch : Und übrig bleibt das Teppich-Luder

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Im Zeitalter gebastelter Biographien und virtueller Realitäten erscheint der Hochstapler wie eine postmoderne Wunschfigur. Ganze Kongresse widmen sich ihm und erklären Überbau und Tiefendimension des Trugs. Sind das aber, mag man sich fragen, noch gestandene Vertreter ihres Fachs, die da seit einiger ...

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          Im Zeitalter gebastelter Biographien und virtueller Realitäten erscheint der Hochstapler wie eine postmoderne Wunschfigur. Ganze Kongresse widmen sich ihm und erklären Überbau und Tiefendimension des Trugs. Sind das aber, mag man sich fragen, noch gestandene Vertreter ihres Fachs, die da seit einiger Zeit etwa unter den Pappmachétrümmern der New Economy hervorgezerrt werden? Ein Blick in die Geschichte legt nahe, daß die vorbehaltlose Bejahung der Überlebenskunst des Täuschens eine ganzheitliche, freie Entfaltung der Hochstaplerpersönlichkeit eher behindert (Stephan Porombka: "Felix Krulls Erben". Die Geschichte der Hochstapelei im 20. Jahrhundert, Verlag Bostelmann & Siebenhaar, Berlin 2001. 208 S., Abb., geb., 15,80 ). "Der erste Star der Branche" liefert zugleich ihr Paradigma: Georges Manolescu, 1871 in Rumänien geboren, ist zunächst nur ein gewöhnlicher Dieb, Spieler und Schläger, den eine Kleinkriminellenkarriere durch halb Europa treibt. Doch verfügt Manolescu über manche Gaben, die ihm zu einer zweiten Existenz verhelfen: etwa die, eine gute Erscheinung abzuliefern und schon allein mimisch die Zugehörigkeit zu den gehobenen Kreisen auszustrahlen. So kann dann der brutale Ganove, dessen Konterfei längst in allen Zeitungen prangt, als "Fürst Lahavory" unbehelligt in den Berliner Hotels ein- und ausgehen und in Ruhe die Kommoden leeren. Vor allem aber ist ihm die Fähigkeit zu eigen, seine Geschichte um tausend phantastische Details anzureichern - und einträglich zwischen Buchdeckel zu packen. Der wahre Hochstapler ist der erfundene, der Memoirenschreiber als rückblickender Selbstdarsteller, der sein tristes Treiben zu der vom Lesepublikum begierig aufgenommenen "Verkörperung einer alles überragenden Souveränität" aufbläst. Ein "erotisches Betrugsverhältnis auf Gegenseitigkeit" nennt Manolescu-Leser Thomas Mann das Verhältnis zwischen dem Schwindler und seinen Opfern, zu denen auch die gutgläubige Leserschaft zu zählen ist. Nicht umsonst hat Mann im "Felix Krull" am Schwindler den Künstler gefeiert. Zum wahren Hochstapler, Porombkas Revue lehrt es, gehört die freche Inspiration, die schlagend einfache Grundidee, der Hauptmann-von-Köpenick-Moment. Wir finden ihn bei jenem Häftling, der aus dem Gefängnis heraus den Anstaltsleiter anruft, sich als Staatsanwalt ausgibt und einen Freigang erwirkt. Oder bei dem zu Beginn der fünfziger Jahre populär gewordenen "Pit" Seegers, der sich im letzten Kriegsjahr zum ritterkreuzbehängten Kommandeur des Volkssturms emporschwindelt und in dieser Funktion in der Privatwohnung Alfred Rosenbergs auftaucht, um den verblüfften Reichsminister zum Kriegsdienst einzuziehen. So hat sich Seegers es zumindest zurechterfunden. Den Hochstapler zeichnet aber auch jener fatale Umstand aus, an dem er schließlich scheitern muß: Irgendwann nämlich beginnt er, sich selbst auf den Leim zu gehen und an die eigene Legende zu glauben. Für schlappe sechstausend Franken bot der "Fürst der Diebe" Manolescu in finalem Größenwahn seinem Verleger das postmortale Eigentumsrecht an seinem Schädel an. Sollte die Welt denn nicht lechzen nach einer Untersuchung dieses kriminellen Meisterhirns? Sie sollte nicht. Geschichten, nicht Gehirne will die Welt. Porombka präsentiert sie uns reichlich und im munteren Illustriertenstil. In der beschleunigten Reklamegesellschaft der Weimarer Republik erblicken wir mit ihm das ideale Soziotop der Spezies. Mannigfaltige Ordensschwindler reüssieren hier neben falschen Offizieren und Prinzen von Preußen. Unter Hitler, dem "Schwindler in der Maske eines Staatsmannes" (Sebastian Haffner), wird der Hochstapler dann zum pathologischen Fall erklärt und gnadenlos verfolgt. Doch nicht lange nach dem Krieg muß das deutsche Adelsarchiv ganze Listen erstellen, um einer Schwemme falscher Barone und Grafen zu wehren. Arm in Arm mit der bunten Presse tanzen alsbald Heiratsschwindler, Wunderheiler, Titelhändler, falsche Ärzte und schöne Konsuln durch die neue Republik. Erst in der Gegenwart aber, so scheint es, notiert die Kunst des Hochstapelns wirklich inflationär. Was haben wir denn heute? "Börsengurus", die jene Kurse erzeugen, auf die sie spekulieren; von Fernsehanstalten erzeugte "Popstars"; getürkte Interviews, die sich in "Borderline-Journalismus" verwandeln; seifenblasenhafte "Internet-Unternehmer", am Strand mit "Teppich-Ludern" abgelichtet - wenn schwindelnd-blendende Selbsterschaffung zur gesellschaftlichen Produktivkraft wird, zerfließt die Rohmasse des Hochstaplers in sämtliche Richtungen. Für echte Lügenbarone mit Form und Charisma ist hier kein Halten mehr. Ein wenig Eindruck kann da allenfalls noch eine Gestalt wie "Baulöwe" Jürgen Schneider machen. In einer Gesellschaft, in der Schein so hoch im Kurs steht, muß ein Hochstapler eben echte Werte schaffen.

          MICHAEL ADRIAN

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