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Rezension: Sachbuch : Und er war groß im Lande Ägypten

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Der Autor ist Partei, als Ägyptologe und als Deutscher. Es brachte der radikale Anspruch des Monotheismus ja auch den Antisemitismus hervor: Ein Gott, der alle anderen verteufelt, zieht auf sich und die Seinen den Haß - besonders den Haß derjenigen, die in derselben Ausschließlichkeit leben. Damit will Assmann sich nicht abfinden. Sein Buch hat einen Hintergedanken, angedeutet nur, aber doch erkennbar: Der Widerspruch gegen die Mosaische Unterscheidung läuft auf eine moralische Entlastung des christlichen Abendlands hinaus. "Moses der Ägypter" ist nicht bloß eine neue Wortmeldung in der Moses-Debatte, sondern auch ein Nachwort auf den Antisemitismus: Wer die ägyptischen Kulte nicht gänzlich verdammte, liest man zwischen den Zeilen, versagte sich jenem Denken, das den Antisemitismus hervorbrachte.

Die Theologie der Antike und der frühen Neuzeit gibt Ideen an die Hand, von denen der Autor glaubt, daß sie seinem Anliegen weiterhülfen. Die merkwürdigen Parallelen zwischen dem ägyptischen Ritus und der mosaischen Gesetzgebung deutete der Hebraist John Spencer im siebzehnten Jahrhundert als göttlichen Kniff: Die Fügung des Herrn hatte die hebräischen Riten den ägyptischen nachgebildet, so daß diese mühelos ersetzt werden konnten. Für Assmann ist das eine Etappe auf dem Auszug aus der monotheistischen Rigidität. Die mosaische Gesetzgebung wurde historisiert: "Spencer suchte den in der Vernunft nicht zu findenden Sinn der Ritualgesetze nicht in ihrem Ende und ihrer Vorausdeutung auf Christus, sondern in ihrem Ursprung und ihrer Herleitung aus der Geschichte."

Noch Generationen nach John Spencers Tod im Jahr 1693 wurde er in eifernden Streitschriften attackiert. Am einfachsten war es, den Ägyptern zu unterstellen, sie hätten die mosaischen Riten kopiert. Das war zwar historisch angreifbar. Aber daß ein Ritual wie die Beschneidung, das Zeichen der Zugehörigkeit zum Abrahamitischen Bund, der ägyptischen Priesterschaft abgeschaut sein sollte, beleidigte die christliche Vorstellungskraft, die in der frühen Neuzeit auf das Alte Testament noch nichts kommen ließ.

Erst die rationalistische Bibelkritik hat sich einen historisch plausiblen Vers auf die Parallelen zwischen den ägyptischen und den mosaischen Gesetzen gemacht. Im achtzehnten Jahrhundert wurde die Psychologie von Herrschaft vielfach erörtert. Nun fanden die Bibelexegeten einen guten Grund dafür, daß Moses manche ägyptische Gepflogenheiten übernahm: Den ungebildeten israelitischen Hirten, so vermuteten diese Theologen, habe der Volksführer die Unterwerfung unter Gottes Herrschaft erleichtert, indem er auf Rituale zurückgriff, an die sich die Hebräer in der ägyptischen Gefangenschaft gewöhnt hatten. So sackte die mosaische Gesetzgebung im Verständnis der Zeitgenossen allmählich vom Himmel zur Erde herab: Moses' "göttliche Inspiration" wurde zur Klugheit des Legislators. Freidenker wie der Jenaer Philosoph Karl Leonhardt Reinhold und sein Kollege am Ort, Friedrich Schiller, glaubten sogar, daß die ägyptische Mythologie genauso wahr sei wie der Monotheismus: Letztlich zeugten beide von einer natürlichen Religion.

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