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Rezension: Sachbuch : Und die Sonne Winslow Homers lächelt auch uns

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Klare Sicht, deutliche Worte: Robert Hughes befreit die amerikanische Kunst aus den Nebeln der Theorie

          1969 hatte ich das Glück, Kenneth Clarks "Civilisation" Folge für Folge im BBC-Fernsehprogramm sehen zu können. Ich hatte meine wundervoll ordinäre irische Landlady gefragt, ob ich das bei ihr anschauen dürfe. Sie sagte zu unter der Bedingung, daß wir das zu zweit täten. Sie verstand nicht soviel, amüsierte sich jedoch köstlich. Mein Lord, wie sie sich ausdrückte, sei herrlich arrogant, sehr zivilisiert, und außerdem sehe er auch noch gut aus. In der Tat war Lord Clark eindrucksvoll. Er baute sich im Zweireiher vor bedeutendem Kulturerbe auf, legte den Kopf zurück und näselte in unüberbietbarem Oxbridge über "the importance of being important". Hätte er den Kopf gesenkt, sein Publikum für sich einnehmen wollen, er wäre nicht halb so überzeugend gewesen. So verkörperte er, was er zeigte: Hochkultur.

          Robert Hughes sieht seine "Bilder von Amerika" durchaus in der Clarkschen Tradition. Auch seine "Bilder" wurden zuerst im Fernsehen und dann im allerdings beträchtlich erweiterten Buch vorgeführt, und auch er bekennt sich zu Clarks "personal view". Und doch verwundert die Traditionsanknüpfung. "Time Magazine", für das Hughes seit fünfundzwanzig Jahren einflußreiche Kunstkritiken schreibt, gab im Zusammenhang mit den "Bildern von Amerika" eine Sondernummer heraus. Sie zeigt unter anderem ein Foto des Autors, der in seinem Loft in SoHo auf dem Rand des Schreibtisches sitzt, ein Klotz von einem Mann im offenen Holzfällerhemd mit Turnschuhen, vor halbleeren, dafür aber gänzlich unordentlichen Bücherregalen mit Manuskripten, umgekippten Büchern, einem Radio und einer Uralt-Schreibmaschine am Boden, auch eine Zahnbürste würde mich nicht wundern: der Inbegriff eines Hochkulturverweigerers.

          Hughes' "Bilder aus Amerika" sind zwar, wie er am Rande gesteht, eine Liebeserklärung an Amerika, aber doch die eines distanzierten Beobachters; Hughes ist und bleibt vorsätzlich australischer Staatsbürger. Als er 1970 in die Staaten kam, waren abstrakter Expressionismus, Conceptual Art und Pop art gewesen. Die Zeit der Zweifel an der amerikanischen Bestimmung begann. Vietnamkrieg, Rassenunruhen, brennende Ghettos. In Hughes' Sicht nehmen diese Zweifel seither kontinuierlich zu, die Nation scheint auch sozial nicht mehr lenkbar. So heißt sein letztes Kapitel entsprechend "Zeit der Zweifel", und in ihr verliert auch die Kunst den Boden unter den Füßen, sie wird ihm - ungern gesteht er es ein, dafür aber um so vehementer - zur unmittelbaren Gegenwart hin immer unangenehmer. Bereits Minimal art, bei aller Anerkennung ihrer reduktionistischen Klarheit und Strenge, ist ihm deswegen fremd, weil sie mit der Kunstsprache die Welt austreibt. Oder direkter: Wenn den Bildern nichts mehr von Natur anzumerken ist, dann erscheinen sie inhuman.

          So schreibt Hughes nachdenklich: "Abstraktion ist ein Zeichen für emotionale Entwurzelung, für fehlende Zugehörigkeit." Es ist ein simples, aber anrührendes Ethos, von dem das Buch getragen wird: Der Kunst muß die Auseinandersetzung mit der Welt anzusehen sein, und der Künstler, der in dieser Auseinandersetzung um die Wahrheit ringt, muß dies existentiell tun. Mit geradezu zynischer Kritikerschärfe schlägt Hughes zu - weil er sich persönlich verletzt fühlt -, wo er Marktgängigkeit, Modespekulation oder vorgeblichen Tiefsinn findet, womöglich gar mit mythischer Urbegründung von selbsternannten Mystagogen. Und so rechnet er mit Barnett Newman, dem kanonischen Heros auch gerade der deutschen Modernehermeneuten, ab, daß die Wände wackeln, verhöhnt die Newmansche Tiefsinnsrinne, den "Zip", beschimpft die Texte des sich selbst ausdeutenden Künstlers als exakte "Definition von Bullshit: leere Tiefe". Die Kritiker, die derartiges stützen, bekommen ihr Fett gleich mit ab, in diesem Falle Harold Rosenberg. Den formalistischen Exegeten des abstrakten Expressionismus und dann der reinen Farbfeldmalerei ergeht es nicht besser. Clement Greenberg und Michael Fried wird vorgeworfen, Kunst herbeigeredet, als Kritiker um des Prinzips willen geradezu Zensur geübt zu haben.

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