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Rezension: Sachbuch : Ultimative Versteinerung

  • Aktualisiert am

Felix Reuße als Logopäde am Denkmal / Von Tilmann Buddensieg

          3 Min.

          Wer das Für und Wider um das Holocaust-Denkmal in Berlin verfolgt, der sehnt sich in dem Chaos der Sprachverwirrung, dem Hauen und Stechen der beteiligten Preisrichter, der ausgewählten und der eigentlich besseren Preisträger, der Promotorin und der Fachleute, nach einer historischen Orientierung. Das vorliegende Buch vermag diese ohne direkten Bezug durchaus zu geben.

          Die Vorgeschichte seiner Denkmalgattung läßt der Verfasser sehr überraschend in zwei hochgradig figürlichen Grabmälern von Pigalle in Straßburg und Canova in Wien beginnen. Ziemlich mühselig werden über hundert Jahre Denkmalgeschichte entlang der Literatur mit Boullées Newton-Denkmal, mit Goethes Tyche-Denkmal in Weimar oder den harmlosen Gedenksteinen zur Erinnerung an die Völkerschlacht gefüllt. Letztere sollte man nicht "militaristisch-nationalistischen", sondern patriotischen Antrieben zuschreiben, wie auch die Bismarck-Türme von Wilhelm Kreis.

          Je mehr sich der Autor der Gegenwart nähert, um so besser wird das Buch. Der Rezensent lernte viel von dem ausgezeichneten Kapitel über das Denkmal von Gropius für die Märzgefallenen in Weimar, über Max Bill, Ulrich Rückriem und Jochen Gerz. Bedauerlich ist die Verkennung des Denkmals für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Mies van der Rohe nur als "interessanter Beleg für die hier geführte Debatte", oder in dem pauschalen Halbsatz, es sei "ganz dem Stil verpflichtet".

          Mit der dichten Folge der genannten Mahnmale führt Felix Reuße unmittelbar an die eingangs erwähnten Entwürfe für die zentrale Gedenkstätte für die ermordeten Juden in Berlin heran, ohne daß er sein sicher kompetentes Urteil abgäbe. Für den Leser gibt es jedoch keine Brücke über den abgrundtiefen Graben zu dem Projekt des gigantischen Berliner Mahnmals.

          Vielleicht ist dessen hoffnungslos scheinende Aufgabe nur durch einen anderen Überlieferungsstrang des Denkmals, den Reuße gar nicht berücksichtigt, den des architektonischen Denkmals, zu bewältigen: Schinkels Integration des Totengedenkens für die Befreiungskriege in das letzte Stück der Linden und der Schloßbrücke, ferner die völlige Durchdringung der Arbeitswelt der IG-Farben-Angestellten in Höchst mit der Erlösungsmystik der Behrens'schen Gedenkhalle für die Weltkriegstoten von 1921 oder endlich das bewußt begrenzte und unspektakuläre Projekt der Erinnerungsschilder an die jüdische Bevölkerung in Berlin-Schöneberg von Renata Stih und Frieder Schnock. Alle diese sehr verschiedenen Projekte durchsetzen den "normalen" Lebensraum des Menschen mit konkreten Zeichen, Namen und Bildern, die ihre Inhalte benennen wollen. Eine solche Kunstform löst die bürgerliche, die arbeits- und lebensweltliche Empirie nicht auf.

          Alle subtilen Begriffsdefinitionen von abstrakter, konkreter, autonomer oder absoluter Kunst helfen nicht über ein Dilemma hinweg, das die künstlerische Avantgarde des 20. Jahrhunderts trotz ihrer verschiedenen Schattierungen konsequent herbeigeführt hat: Jeder Übermittlungsversuch außerkünstlerischer Realitäten und Bedeutungen im Medium von künstlerischen Formen, die nichts außer ihrer selbst bezeichnen wollen, die gewollte "Leere" der puren Formen, ohne "Namen und Begriffsbestimmungen" (Malewitsch), enden bei Denkmalsaufgaben zumeist in der Sackgasse der angewandten Kunst. Reuße analysiert scharfsinnig und vielfach nach Gesprächen mit den Künstlern jene wenigen vorzüglichen Leistungen von Künstlern wie Max Bill für ein Denkmal des "unbekannten politischen Gefangenen" (1952), wie Helmut Wolff und Erich Reusch für Auschwitz-Mahnmale (1958, 1957). Er bespricht Elmar Dauchers Mahnmal von 1970, das Vietnam-Memorial in Washington (1982), sodann die Mahnmalkonzepte von Ulrich Rückriem (1984, 1987) und schließlich das verschwindende Denkmal gegen Faschismus in Harburg von Esther und Jochen Gerz (1986, 1993). Sehr vereinfachend darf man sagen, daß das Erlebnis der gegenstandslosen künstlerischen Mittel von Form, Material und Raum manchmal und bei dem je einzelnen Betrachter zu einer Selbsterfahrung führen kann, in die ein Bezug zu der außerkünstlerischen Bestimmung der Mahnmale einzufließen vermag. Nur wenn die autonomen künstlerischen Mittel die pure Überzeugungskraft eines Max Bill oder Ulrich Rückriem haben, kann sich diese Analogie zwischen künstlerischem Erlebnis der leeren Formen und ihrer puren bildlichen Materialien und einem erinnernden Inhalt einstellen. Als völkischen Kontrast dazu hätte Reuße die ordentlichen Kuben über dem Denkmal des "unbekannten Soldaten" am NS-Königsplatz in München im Vergleich mit den "Weimarer" Denkmalen von Gropius und Mies nutzen können.

          So gelungen dem Rezensenten die monographische Analyse der wichtigsten ungegenständlichen Mahnmale im 20. Jahrhundert erscheinen, so fesselnd mögen für andere Leser die einleitenden methodischen und begrifflichen Definitionen und die sehr langen Schlußfolgerungen und Zusammenfassungen, endlich die sechzig Seiten des Literaturverzeichnisses erscheinen. Wenn einem aber das Lieblingswort des Autors "Strategie" fünfmal auf einer Seite begegnet und der "Klang als innerkünstlerische Verunsicherungs-Strategie" ein Kapitel überschreibt, dann haben wir das vor uns, was Balzacs Parfümeriehändler Birotteaus den "typischen Dissertationsstil" nennt. Und wenn die sprachlichen Klischees wie das "ultimative Mittel zur Sinnfestschreibung" und die schiefen Bilder von einer "Säule . . . als Anstoß zur Selbsterkenntnis" so dicht aufeinanderfolgen, dann ist die Dissertation leider erkennbar "nur leicht überarbeitet" worden. Die Herausgeber der renommierten Reihe "Sprache und Geschichte", die alle Meister der wissenschaftlichen Prosa sind, haben sie wohl nicht recht durchgesehen.

          Felix Reuße: "Das Denkmal an der Grenze seiner Sprachfähigkeit". Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1995. 389 S., Abb., geb., 98,- DM.

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