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Rezension: Sachbuch : Übrig bleibt nur das Spinnengewebe des Schottenplaids

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"Mit Dir habe ich vor nichts Angst": Am 30. Oktober jährt sich der Geburtstag der russischen Schriftstellerin Nadeschda Mandelstam zum hundertsten Male

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          Einem holländischen Fernsehteam gelang es 1973, sie zu einem Interview zu bewegen. Es dürften die einzigen Filmaufnahmen von Nadeschda Mandelstam geblieben sein. Sie gestattete sie mit der Auflage, dass die Bilder erst nach ihrem Tod ausgestrahlt würden. Noch immer fürchtete sie sich vor dem KGB, der sie seit dem Erscheinen ihrer Memoiren, 1970 in New York, noch gereizter observierte. Die Dreiundsiebzigjährige lag, Papirossy rauchend, auf einem Sofa und kommentierte in Englisch mit erzrussischem Akzent das bewegte Liebesleben, das sie mit einem der bedeutendsten Dichter des Jahrhunderts verbunden hatte: "Wir waren der Anfang der sexuellen Revolution, wir hatten nichts zu verlieren." Tagsüber habe sie sich oft mit ihm gestritten, aber die Liebesnächte seien gut gewesen. Solche Unverblümtheit war charakteristisch für die alte Frau, die einmal mehr nichts zu verlieren hatte. Für die Dissidenten der sechziger und siebziger Jahre war sie eine Heiligenfigur, eine schamlose Heilige, die ihre schmerzhaften Wahrheiten verkündete. Sie hatte längst aufgehört, eine ganz gewöhnliche Dichterwitwe zu sein.

          Kennen gelernt hatte sie Ossip Mandelstam mitten im Bürgerkrieg zwischen den zaristischen "Weißen" und den bolschewistischen "Roten". Es war am 1. Mai 1919, in ihrer Heimatstadt Kiew, in der Künstlerkneipe "Chlam". Sie war neunzehn, stammte aus einer assimilierten jüdischen Advokatenfamilie und studierte Malerei bei Alexandra Exter, einer der wichtigsten Künstlerinnen der russischen Avantgarde. Ossip Mandelstam versuchte vor dem Moskauer Hunger und Terror im Süden zu entkommen. Kiew aber war im Bürgerkrieg eine heftig umkämpfte Stadt, die Machtwechsel folgten in immer kürzeren Abständen. Pogrome, Erschießungen, Terror waren auch hier an der Tagesordnung. Ein Menschenleben wog nicht schwer, und eine überstürzte Liebesnacht zweier Künstler an einem 1. Mai noch weniger. Die Epoche schien nicht für längere Bindungen geeignet. Und doch schrieb Ossip Mandelstam schon am Tag darauf ein Gedicht, in das er Motive aus Sapphos "Hochzeitsliedern" kunstvoll verwob und in dem Nadeschdas markant gewölbte Stirn leuchtete.

          Mandelstam wird sie im Wirrwarr des Bürgerkriegs wieder aus den Augen verlieren, dann aber doch aufspüren und im März 1922 schließlich heiraten, wiederum in Kiew. "Lea" nennt er sie in einem Gedicht, das ihrer beider jüdische Herkunft betonte: "Lieben wirst du einen Juden, / In ihm verschwinden - Gott mit dir." Auch in dem Gedicht, das von einem berühmten Gemälde des russischen Malers Valentin Serow inspiriert war und Europas bange Überfahrt auf Zeus' Stierrücken beschwor, erkannte sich Nadeschda wieder. In ihm zeige sich, schrieb sie später, Mandelstams Mitleid mit dem Mädchen und der Frau: Er habe sehr wohl verstanden, dass ihr ein friedliches Leben mit einem gewöhnlichen Mann und Ernährer lieber gewesen wäre als mit diesem Stier und "ruhelosen Vagabunden", der sie wer weiß wohin mitschleppte. Mit einem Dichter, der in Sowjetrussland sehr bald Schwierigkeiten mit dem Regime haben sollte, war ein ruhiges Leben nicht zu haben.

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