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Rezension: Sachbuch : Über die Kultur der Barbarei

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Im Krieg der groben Unterschiede blieben die hehren Werte, für die man 1914 auf beiden Seiten angeblich ins Feld zog, auf der Strecke

          Der Militärhistoriker und Clausewitz-Editor Werner Hahlweg soll dem Historischen Seminar der Universität Münster einst die Anschaffung einer Kalaschnikow vorgeschlagen haben. Diesem auf den ersten Blick etwas ungewöhnlichem Wunsch wurde wohl nicht entsprochen, jedenfalls kann sich niemand daran erinnern, daß Hahlweg in seine frühmorgendlichen Vorlesungen einmal eine Kalaschnikow mitgebracht hätte. So blieb es beim theoretischen Bericht darüber, wie die Bauweise und Handhabung der Waffe nicht unwesentlich zu ihrem Verkaufserfolg beitrug.

          Hahlweg zählte zu den führenden Vertretern einer Militärgeschichte, für die waffentechnische Aspekte sowie Fragen der Taktik und Strategie zwar wichtig, aber nie Selbstzweck waren, sondern immer in Bezug gesetzt wurden zum eigentlichen Interesse: dem Verhältnis zwischen Politik und Militär. Von der Konvention von Tauroggen über die Präventivkriegsfrage bei Bismarck bis zur Abrüstungsdebatte in den achtziger Jahren wird in diesem Verhältnis alles das produktiv, was eine Gesellschaft an Befürchtungen, Aspirationen oder Illusionen hegt.

          Vernachlässigt aber hatte man ein Kraftfeld, das diffus ist und sich in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausdehnt. Dieses Kraftfeld ist die Kultur. Zu den ersten, die nach dem Zweiten Weltkrieg diese Wechselwirkung von Kultur und Krieg zu erfassen versucht haben, zählen in England der Militärhistoriker John Keagan und der Literaturhistoriker Paul Fussel, in Frankreich Marc Ferro mit seiner Synthese über den Ersten Weltkrieg, in Deutschland der Literaturhistoriker Klaus Vondung mit dem "Kriegserlebnis".

          Hierzulande waren es also nicht die Historiker, sondern Literatur- und Kunsthistoriker, die neue Fragen an die Kriegsgeschichte formulierten. Erst seit wenigen Jahren bringen auch die Historiker dem Krieg in allen seinen Erscheinungen, Voraussetzungen und Wirkungen wieder Interesse entgegen, nun aber in solchem Maß, daß es fast beunruhigen könnte. Allerdings wirkt hier weniger eine Faszination am Krieg als das Interesse an der rätselhaften Synchronisation zwischen schwer faßlichen geschichtlichen Kräften einerseits und rationalen Mitteln und Absichten andererseits. Es handelt sich um den Versuch, dem Charakter der "totalen" Kriege dieses Jahrhunderts historiographisch stärker Rechnung zu tragen, als das bisher der Fall gewesen ist.

          Dies verspricht auch der von Wolfgang J. Mommsen herausgegebene Band "Kultur und Krieg" im Titel. Leider aber nimmt nicht nur der Untertitel "Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg" vieles wieder zurück, sondern vor allem die lustlos geschriebene Einleitung von Mommsen selbst. Was er zur politischen Weltkriegsphilosophie sagt, konnte man anderswo schon besser lesen. Daß die "Ideen von 1914" als Neuauflage der "Ideen von 1870" gegolten haben sollen, ist freilich neu - und merkwürdig, weil man 1870 von solchen "Ideen" nichts wußte. Auf diesem Terrain hält man sich also besser an die Werke zum politischen Denken von Heinz Gollwitzer und vor allem an die "Politische Philosophie in Deutschland" von Hermann Lübbe, ein Werk, das in der Tiefe seiner Einsichten und in der Beherrschung des Themas unübertroffen ist.

          Verlorene Gesellschaftsdimensionen

          Der von Mommsen zugrunde gelegte Kulturbegriff, der nebeneinander Wissenschaft, Kunst und Literatur umfaßt, ist allzu eng und errichtet ebenjene Blockade gegen den weiteren gesellschaftlichen Bezugsrahmen "Kultur und Krieg", den die neueren Ansätze der Kriegsgeschichte sich zu eigen machen. So gelingt es Mommsen nicht, Geistes-, Literatur- und Kunstgeschichte so zu kombinieren, daß sie solche Dimensionen von Gesellschaft und Politik sichtbar werden läßt, die in einer weitgehend auf "Rationales" fixierten Geschichtswissenschaft wegdefiniert werden. Kurzum: von politischer Kulturgeschichte keine Spur.

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