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Rezension: Sachbuch : Über die Kultur der Barbarei

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Wer über die "Medizin im Ersten Weltkrieg" unterrichtet sein möchte, der findet in dem von Wolfgang Eckart und Christoph Gradmann herausgegebenen Band eine Reihe neuerer Forschungen - von Fragen ärztlicher Standesorganisation über die Etablierung der Bluttransfusion bis hin zu den hygienisch-bakteriologischen Erfahrungen im "größten Versuch, den die Einbildungskraft ersinnen kann."

Die Einbildungskraft ist auch das Stichwort, das einen französischen Sammelband zu "Guerre et Cultures 1914-1918", herausgegeben von Jean-Jacques Becker, Jay M. Winter, Gerd Krumeich und anderen, kennzeichnet. Die Sammlung stellt die Zwischenbilanz der Forschungsgruppe um das "Mémorial" in Peronne dar und durchbricht die Grenzen, die Wolfgang Mommsen um die "Kultur" noch zieht, indem sie den Bezug zwischen Vorstellungswelten und Realien rekonstruiert.

Zwei bemerkenswerte Beiträge finden sich in diesem opulenten Band: einmal der Aufsatz von Stéphane Audoin-Rouzeau über das "Heroische Kind 1914-1918", in dem eine Art von schwerem Kindesmißbrauch betrachtet wird. Sodann ist vor allem der mit überraschenden Archivfunden aufwartende Beitrag von Alan Kramer über die "Atrocités", die "Greueltaten" der deutsche Armee in Belgien und Nordfrankreich, zu nennen, dessen Kernthese in dem von Gerhard Hirschfeld herausgegebenen Band "Keiner fühlt sich als Mensch mehr" auch auf deutsch nachlesbar ist. Kramers brillante Beweisführung läßt keinen Zweifel daran, daß die populäre Schreckfigur des "franctireur", des aus dem Hinterhalt schießenden Zivilisten, ebenso wie die Ängste der Bevölkerung die deutsche Besetzung und die Zivilbevölkerung in einen Furor der Gewalttätigkeit trieben. Dabei kam es zu erheblichen Vergehen, ja bald zu Ansätzen einer Politik der gewollten Grausamkeit, der in der gegnerischen Bildwelt exakt die vermeintlich abgehackten Hände von Kindern entsprachen. Nicht alle kolportierten Greueltaten waren real, aber es wurde von beiden Seiten genug verbrochen, um den europäischen Weg in die Moderne - nenne man ihn nun "Kultur" oder "Zivilisation" - angesichts seines Resultats zu diskreditieren.

MICHAEL JEISMANN

Wolfgang J. Mommsen (Hrsg.): "Kultur und Krieg. Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg". R. Oldenbourg Verlag, München 1996. X, 282 S., geb., 98,- DM.

Jürgen und Wolfgang von Ungern-Sternberg: "Der Aufruf ,An die Kulturwelt!'". Das Manifest der 93 und die Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1996. 247 S., br., 74,- DM.

Bernd Ulrich, Benjamin Ziemann: "Krieg im Frieden". Die umkämpfte Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1997, 224 S., 16,90 DM.

Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Dieter Langewiesche, Hans Peter Ullmann: "Kriegserfahrungen". Studien zur Sozial-und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Klartext Verlag, Essen 1997, 456 S., 48,- DM.

Johannes Burkhardt, Josef Becker, Stig Förster, Günther Kronenbitter: "Lange und kurze Wege in den Ersten Weltkrieg". Vier Augsburger Beiträge zur Kriegsursachenforschung. Verlag Ernst Vögel, München 1996. 190 S., br., 32,- DM.

Wolfgang U. Eckart, Christoph Gradmann (Hrsg.): "Die Medizin und der Erste Weltkrieg". Centaurus Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1996. 377 S., br., 58,- DM.

Jean-Jacques Becker, Jay M. Winter, Gerd Krumeich, Annette Becker, Stéphane Audoin-Rouzeau (Hrsg.): "Guerre et Cultures 1914-1918". Armand Colin, Paris 1994. 445 S., br., 190,- franz. Franc.

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