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Rezension: Sachbuch : Über die Kultur der Barbarei

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So berechtigt die unmittelbar nach Kriegsende einsetzende Kritik an der Propaganda war (die im deutschen Fall einen Angriffs- in einen Verteidigungskrieg hatte verwandeln sollen), sie verdeckte, daß die Dispositionen zu einem Kriegsverständnis bereitlagen, das der Schweizer Publizist Herbert Lüthy brillant charakterisiert hat: "Daß es überhaupt keinen definierbaren Streitpunkt und infolgedessen nichts gab, worüber zu verhandeln oder Frieden zu schließen gewesen wäre, das erst machte den Ersten Weltkrieg zur Wahnsinnsorgie, in der mangels jeder vernünftigen Erklärung die Formulierung des Einsatzes der apokalyptischen Phantasie überlassen blieb und der blinde Haß sich zum Delirium steigerte, weil da nichts war."

Die enormen Menschenverluste, die Zerstörungen und die politischen Folgen des Krieges machten eine Sinnstiftung unentbehrlich. Und so begann der Kampf um die Kriegserinnerung oder der "Krieg im Frieden", wie es der Titel eines von Bernd Ulrich und Benjamin Ziemann herausgegebenen Quellenbandes zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg nennt. Das Spektrum reicht von privaten Aufzeichnungen über die allgemeine Presse bis hin zu offiziellen Dokumenten.

Daß es die eine "Wahrheit über den Krieg" geben müsse, war nicht nur in Deutschland eine ebenso notwendige wie nicht zu befriedigende Vorstellung wie zuvor bei Ausbruch des Krieges die Frage nach dem Kriegssinn. Die Mehrdeutigkeit der Kriegserfahrung, die die schillernde Grundierung der politischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik darstellte, wurde mit dem Nationalsozialismus beendet, der sein Zukunftsversprechen und seine Verführungsgewalt auch durch die Propagierung einer individuell wie kollektiv euphorisierenden, dabei von Erfahrungen völlig abstrahierenden Kriegsessenz bezog. Hier ist man schon mitten auf dem kurzen Weg in den Krieg.

In dem soeben erschienenen, von Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Dieter Langewiesche und Hans Peter Ullmann herausgegebenen Band über "Kriegserfahrungen" wird in einer Reihe von Studien versucht, gleichermaßen Variationen wie Grundlinien in der Dualität "Kriegsfront - Heimatfront", in "Wirtschaft und Krieg" und in "Gesellschaftsbildern und Feindbildern" aufzuzeigen. Das gelingt gerade in der Kombination von Regional-und allgemeiner Geschichte streckenweise recht gut, so etwa in einem Beitrag über das "Augusterlebnis" (Christian Geinitz und Uta Hinz). Allerdings wird auch die Gefahr eines selbstgenügsamen Positivismus greifbar, der zumal auf diesem Gebiet der historischen Forschung zu gar keinen Ergebnissen führen kann. Es sind historiographische Schlachten ohne strategisches Erkenntnisziel. Es ist freilich richtig, wenn Dieter Langewiesche in seinem Vorwort feststellt, daß dieser Band, dessen Beiträge von jungen Studenten und Examenskandidaten im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs geschrieben wurden, ein Dokument der in den deutschen Geisteswissenschaften durchaus noch lebendigen Verbindung von Lehre und Forschung und nicht zuletzt von "lernendem Forschen" darstelle.

"Lange und kurze Wege in den Ersten Weltkrieg" werden in einem Augsburger Band zur Kriegsursachenforschung nachgezeichnet. Jeder der hier versammelten Aufsätze führt den Leser auf Pfade, die auch für den Kenner Überraschungen bieten. Zentral ist sicher der Beitrag Johannes Burkhardts über den "Kriegsgrund Geschichte". Er öffnet den Horizont auf ein Denken, dessen Unvernunft sich im Arsenal der Geschichte reich ausstatten läßt. Bevor also die Historie zu Gift wird, sollte man über Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt sein, wozu der vorliegende Band einen wichtigen Beitrag leistet.

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