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Rezension: Sachbuch : Über die Kultur der Barbarei

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Dessenungeachtet finden sich in dem Band eine Reihe von bemerkenswerten Aufsätzen in den säuberlich abgesteckten Feldern "Sozialwissenschaften", "Geschichtswissenschaft", "Bildende Kunst" und "Literatur". Ansatzweise kann man durchaus einen gemeinsamen Fluchtpunkt entdecken. Er liegt in der Frage, wie total "der Krieg" tatsächlich war, welche Hoffnungen er jenseits der militärisch-politischen Sphäre trug, auf welche Weise über den Krieg das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum neu definiert wurde. Und es geht darum, wie das "alte Denken" in die "neue Zeit" eingepaßt wurde, welche historisch-politischen Grundannahmen erhalten blieben und was sich als geistig-moralische Kriegsgewöhnung einstellte.

Während in Europa "die Lichter ausgingen" (Lloyd George im Sommer 1914) und die Idee des Fortschritts zersplitterte, fingen die amerikanischen Sozialwissenschaften den zivilisatorischen Bruch damit auf, daß sie das Grauen des Krieges, die Menschen- und Kulturvernichtung allein als Ausfluß des historisch überholten, barbarischen und "feudalistischen" politischen Systems des Kaiserreichs verstanden. Hans Joas sieht hier "einen eigenständigen Ursprung der Theorie vom deutschen Sonderweg in der sozialwissenschaftlichen Verarbeitung des Ersten Weltkriegs in Amerika", mit beträchtlicher Bedeutung für die spätere Modernisierungstheorie. Wie eigenständig dieser Ursprung tatsächlich ist, wäre freilich noch zu prüfen, denn die Nationalisierung von Menschheitsübeln als Rettung vor der anthropologischen Negativität ist eine Denkfigur, die älter ist und voll ausgeformt bereits in Frankreich während des Krieges von 1870/71 auftauchte.

Der Vorzug von Joas' Analyse liegt darin, daß sie zeigt, wie der Krieg nach und nach alle Gesellschaftsebenen auf Differenzbestimmungen zwischen dem eigenen und dem anderen umpolt. Diese Differenzbestimmungen steigen sodann zu Primärwerten der moralischen Orientierung auf. Damit ist jener Prozeß angezeigt, in dem die Entscheidung zwischen totalitär und nicht totalitär fällt, wie Dirk Richter jüngst in aller Deutlichkeit herausgearbeitet hat. Man befindet sich also in einem Krieg der groben Unterschiede. Daß den Deutschen dabei die propagandistischen Fähigkeiten abgingen, zeigt Jürgen von Ungern-Sternberg. Der Grund lag nicht in technischer Unvollkommenheit. Vielmehr waren die von den Zeitgenossen vielfach benutzten Begriffe "deutsche Kultur" und "Militarismus" mit einer "Sendung" nicht in Verbindung zu bringen. Man wußte im Grunde nicht, warum man Krieg führte. Da man es trotzdem tat, führte man ihn für sich selbst - als innere "Erhebung".

Daß im "Krieg der Geister" nicht alle Vorbehalte aufgegeben wurden, versuchen Stefan Meineke (über Friedrich Meinecke und den "Krieg der Geister") sowie Gerd Krumeich (zu Ernest Lavisse und der Kritik an der deutschen Kultur) zu zeigen. Das entscheidende Kriterium ist wohl darin zu sehen, daß Meinecke und Lavisse eine fixe Bestimmung der "Eigenschaft" der feindlichen Nation ablehnten und damit prinzipiell den Weg in den Frieden offenhielten.

Es scheint, als ob heute - anders als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren - die Wahrnehmung des Irrationalen und Emotionalen sich durchaus nicht mehr durch die Rationalitäten - sei es der Politik- oder der Sozialgeschichte - verdrängen ließe. Hier liegt ein schwieriges, aber auch außerordentlich ergiebiges Feld, wofür das Buch über den Aufruf "An die Kulturwelt!" von Jürgen und Wolfgang Ungern-Sternberg ein gutes Beispiel gibt. Obwohl gerade zu diesem Aufruf wichtige Monographien vorliegen, eröffnet die Verbindung der Kombinationsfähigkeit eines Literaturwissenschaftlers und der lange Blick des Althistorikers ein tieferes Verständnis für die Entstehungsbedingungen dieses Manifests der Identifikation.

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