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Rezension: Sachbuch : Über den Regalen der Tuff von tausend Jahren

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Durch turmhohe Schichten erstarrter Lava und versteinerten Schlammes führten Stollen in die Tiefe. Was nach Winckelmanns Beschreibung dort unten in der 1752 ausgegrabenen Villa in Herculaneum bei Neapel im Schein der Laterne entdeckt worden war, übertraf alles, was einst die Humanisten in Klosterbüchereien ...

          Durch turmhohe Schichten erstarrter Lava und versteinerten Schlammes führten Stollen in die Tiefe. Was nach Winckelmanns Beschreibung dort unten in der 1752 ausgegrabenen Villa in Herculaneum bei Neapel im Schein der Laterne entdeckt worden war, übertraf alles, was einst die Humanisten in Klosterbüchereien zu finden erträumt hatten: Als hätten die Ausgräber eine Zeitreise unternommen, betraten sie das Bibliothekszimmer einer antiken Villa, so wie sie im Jahre 79 nach Christus durch den Vesuvausbruch verschüttet worden war: "Rund herum an der Mauer waren Schränke, wie in den Archiven zu seyn pflegen, in Mannes Höhe, und in der Mitten im Zimmer stand ein anderes solches Gestelle für Schriften auf beyden Seiten, so daß man frey umher gehen konnte. Das Holz dieser Gestelle war zu Kohlen gebrannt, und fiel, wie man leicht erachten kann, zusammen, da man dieselben anrührete."

          Fast zweitausend fragile Papyrusrollen fielen zu Boden - was mochten sie enthalten? Winckelmanns "Sendschreiben" versetzte die Gelehrten Europas in Hoffnungstaumel. Würde die Bibliothek endlich die unverfälschte Antike offenbaren, während bis dahin nur die Texte bekannt waren, die von christlichen Mönchen abgeschrieben worden waren? Doch die Entzifferung von Fragmenten förderte wenig Sensationelles zutage, meist epikureische Schriften. Die Villa wurde 1765 nach dem Austreten von Grubengas wieder verschüttet, und bis vor kurzem konnte keines Menschen Fuß sie wieder betreten. Der Blick, der für einen Wimpernschlag der Geschichte möglich gewesen war, blieb unwiederholbar. Das jüngst wieder ergrabene Büchermagazin ist leer.

          Die Archäologie hat mittlerweile vieles über altorientalische, griechische und römische Bibliotheken in Erfahrung gebracht. Der von Wolfram Hoepfner herausgegebene, opulent bebilderte Sammelband soll keine vollständige Bestandsaufnahme bieten, doch präsentieren die zwölf Autorinnen und Autoren die wichtigsten Überreste antiker Bibliotheken und skizzieren verwandte Themen wie Schreibmaterial, Buchhandel und neuzeitliche Bibliotheksbauten nach antiken Vorbildern. Vor allem berichten sie von neuesten Grabungen in Athen, Herculaneum oder Rom und entwickeln eigene Thesen.

          Demnach sind zum Beispiel die Fragmente marmorner Nischenschränke, die bei der berühmten Bibliothek von Pergamon gefunden wurden, Originalteile der Bücherschränke; die Rahmen dürften aus Stein, die Türen aus Holz gewesen sein. Die Hadriansbibliothek in Athen soll der alten Akademie Platons in Details des Grundrisses bewußt nachempfunden sein. Auch seien Bibliotheken in antiken Privathäusern und Gymnasien häufiger gewesen, als bisher vermutet wurde: Sie lassen sich an einer bestimmten Raumfolge erkennen und daran, daß die Nischen im Inneren kaum je in die für Papyrus zu feuchten Außenmauern eingelassen sind.

          Anders als der aufs Exemplarische zielende Sammelband erzählt Lionell Casson die Geschichte der Archive und Büchersammlungen der Antike im Zusammenhang. Neue Ergebnisse enthält sein Buch kaum, originell ist allerdings die sozialgeschichtliche Analyse des Personals der römischen Bibliotheken in den ersten beiden Jahrhunderten nach Christus, besonders der Direktoren, für die das Amt oft nur eine Sprosse auf der Karriereleiter war. Casson kombiniert historische, philologische und archäologische Aspekte und hat ein gutes Gespür für das Anekdotische. Aus der ersten systematisch zusammengetragenen Bibliothek der Antike, derjenigen des Assyrerkönigs Assurbanipal, zitiert er eine Tontafel, die einen Fluch auf jeden herabruft, der sie entwendet: Sein Name und seine Saat sollen ausgelöscht werden.

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