https://www.faz.net/-gqz-pa98

Rezension: Sachbuch : Über allen Gipfeln ist Buhl

  • Aktualisiert am

Eisbrüche, nackter Fels, atemraubend steile Wände: Auf den Fotografien der deutschen Nanga-Parbat-Expeditionen von 1934 bis 1962, die Horst Höfler für einen Bildband zusammengetragen hat, werden alle Formen des Sublimen durchdekliniert. Aber erst im Konterfei des Erstbesteigers Hermann Buhl verdichtet sich der fast schon schicksalhafte Kampf um den Berg.

          Eisbrüche, nackter Fels, atemraubend steile Wände: Auf den Fotografien der deutschen Nanga-Parbat-Expeditionen von 1934 bis 1962, die Horst Höfler für einen Bildband zusammengetragen hat, werden alle Formen des Sublimen durchdekliniert. Aber erst im Konterfei des Erstbesteigers Hermann Buhl verdichtet sich der fast schon schicksalhafte Kampf um den Berg. Das Bild vom 5. Juli 1953, dem Tag nach der Rückkehr vom Gipfel, zeigt einen Greis, dem das Erlebnis tiefe Furchen ins Gesicht gemeißelt hat und der in einer Mischung aus Abwesenheit und Schmerz wie durch die Kamera hindurchstarrt. Nur wer weiß, daß Buhl erst achtundzwanzig Jahre alt gewesen ist, begreift: Dies ist kein Porträt. Es ist die Allegorie des Überlebens.

          Hermann Buhl war Anfang der fünfziger Jahre der vielleicht beste Bergsteiger der Welt. Schon mit achtzehn kletterte er im damals höchsten Grad und unternahm spektakuläre Touren. Von Haus aus arm, soll er selbst im Fels bisweilen in Socken unterwegs gewesen sein. Seine Ausdauer und die Unempfindlichkeit gegen Unwetter waren legendär, sorgten aber nicht nur für Bewunderung. Denn wer nicht mithalten konnte, wurde als Seilpartner kurzerhand ausgetauscht. Ihn asozial zu nennen mag so falsch nicht sein. Buhl folgte fern einer bürgerlichen Existenz nur seinen Regeln. Käme es hart auf hart, so wurde gesagt, ginge er über die eigene Leiche.

          Am Nanga Parbat hatte sich Buhl im Alleingang den sechs Kilometer langen Weg vom letzten Lager zum 8125 Meter hohen Gipfel durch den Schnee gespurt - ein Triumph der Gier über den Verstand. Doch der schlimmste Teil sollte erst kommen. Am Ende war er einundvierzig Stunden unterwegs, bevor er das Lager wieder erreichte. Er hatte nichts zu essen dabei, nichts zu trinken, und um Last zu sparen, den Rucksack mit warmer Kleidung zurückgelassen. In der Nacht mußte er bei minus zwanzig Grad acht Stunden lang stehend an einer Steilwand ausharren. Beim Abstieg begann er zu halluzinieren. Zehn Atemzüge brauchte er pro Schritt. Zwei Zehen erfroren ihm in den Stiefeln.

          "Über allen Gipfeln ist Buhl", würde ihn später der Münchner Oberbürgermeister am Flughafen feiern. Buhl hatte den "Schicksalsberg der Deutschen" besiegt, nachdem dort etwa dreißig Bergsteiger umgekommen waren. Und er symbolisierte - wenngleich Österreicher - so etwas wie den Wiederaufstieg Deutschlands. Im Basislager jedoch herrschte noch ein anderer Ton. Dort wollte man ihm nicht verzeihen, daß er den Gipfel gegen den Plan des Expeditionsleiters Karl Maria Herrligkoffer allein bestiegen und damit den Kameradschaftsgeist verraten hatte. Es war die Rede von Meuterei. Heute kann man Buhls brutalen Ehrgeiz ungleich vornehmer als Paradigmenwechsel bezeichnen.

          "Wahrheit und Wahn des Alpinismus" heißt Ralf-Peter Märtins Buch zum Nanga Parbat im Untertitel. Buhl ist der Dreh- und Angelpunkt. Der Text aber reicht zurück bis 1895, als sich der Engländer Albert Frederick Mummery als erster an einem Achttausender versuchte: dem Nanga Parbat. Und er führt bis in den Sommer 2000, als Reinhold Messner zum dritten Mal den Nanga Parbat besteigen wollte: auf jener Route, auf der sich in 6000 Meter Höhe Mummerys Spuren verlieren.

          Daß Messner den Historiker und Germanisten Märtin auf die Reise mitgenommen hatte, dürfte diesen ebenso beflügelt haben wie das Jubiläum der Erstbesteigung im kommenden Jahr. Aber es läßt sich aus der Geschichte des Nanga Parbat vielleicht tatsächlich besser als aus der jedes anderen Bergs eine Ideengeschichte der Kletterei ableiten - und eine Geschichte deutscher Bergphilosophie.

          Schon das Literaturverzeichnis mit rund vierhundert Einträgen macht deutlich, daß es Märtin nicht um eine Abenteuerposse zu tun ist. Und wie er die Entwicklung vom "Genußbergsteigen" zum "Gefahrenbergsteigen" mal in Form der Reportage, mal als präzise Analyse aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet, wie er behutsam Biographien einarbeitet und Exkurse über den Everest oder die Eigernordwand dazwischenschiebt, wie er die immer absurder werdenden Materialschlachten am Berg mit sechshundert Trägern für vierzehn Tonnen Ausrüstung und die immer verletzender werdenden Schlammschlachten in den Medien schildert, verdient größten Respekt - und könnte den Band zu einem Standardwerk machen.

          Augenfällig macht es freilich auch den Unterschied zu einem Buch wie Jon Krakauers "In eisige Höhen", dessen enormer Erfolg 1998 jene Lawine von Bergliteratur losgetreten hat, die jetzt die Buchhandlungen überrollt: Krakauer war dabei, als 1996 am Everest acht Menschen starben. So konnte er sich eines mythenerprobten Topos bedienen: des Schiffsuntergangs mit Zuschauer. Märtin wühlte sich hingegen durchs Archiv. Krakauer stieg wirklich über Leichen; Märtin zählt sie aus Berichten zusammen. Krakauer stand auf dem Gipfel; Märtin blieb im Camp zurück, als Messner mit einer kleinen Gruppe losstieg. Dabei wird es Märtin keineswegs zum Verhängnis, daß er aus der Distanz berichtet. Zum Problem wird das Buch dort, wo er diesen Abstand aufhebt.

          Es passiert spät; aber im Rückblick erscheint das ganze Buch auf diesen Moment hin angelegt: der Apotheose Reinhold Messners, des "letzten Bergsteigers", wie Märtin ihn nennt. Wie präzis dagegen ist noch seine Darstellung der frühen Expeditionen. Hier dringt er tief in die Strukturen jenes Handelns und Denkens ein, die sich bereits in der Wortwahl damaliger Berichte andeuten. Schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Touren Feldzügen gleichgesetzt, die Bergsteiger als "Soldaten" bezeichnet, die Besteigung als "Generaloffensive", Lawinen als "feindliches Sperrfeuer" und Tote als "Gefallene". Die Gipfelwelt war Zufluchtsort für jene geworden, die nach dem verlorenen Weltkrieg und dem "Schandfrieden von Versailles" solche Tugenden wie Vaterlandsliebe, Heldentum und Selbstaufopferung um keinen Preis aufgeben wollten. Der Glaube, Gipfelsiege taugten als Mittel nationaler Wiedergeburt, erfüllte vorauseilend die Doktrin, nach der 1934 der Reichssportführer Hans von Tschammer die Besteigung des Nanga Parbat "zum Ruhme Deutschlands" fast schon befahl. Die Expedition unter der dilettantischen Führung von Wilhelm Merkl und Wilhelm Welzenbach endete mit neun Toten - darunter die beiden Leiter. Prompt illustrierte das Desaster trefflich Adolf Hitlers Vision, als er auf dem Parteitag 1935 verlangte, die deutsche Jugend müsse "in den schwierigsten Proben die Todesfurcht besiegen" lernen. Ausdrücklich beim Bergsteigen sollte der arische Edelmensch durch Ausdauer und Todesverachtung über mindere Rassen triumphieren. Beim neuerlichen Versuch einer deutschen Gruppe, 1937 den Nanga Parbat zu besteigen, starben sechzehn Menschen.

          Die Geschichte des Nanga Parbat ist aber mehr noch als die Auseinandersetzung der Bergsteiger mit dem Berg eine schier endlose Reihe von Machtkämpfen der Bergsteiger untereinander. Ein ums andere Mal wiederholen sich Streitigkeiten nach ähnlichem Muster. Wie Merkl in den dreißiger Jahren, wird später dessen Stiefbruder Karl Maria Herrligkoffer, der zwanzig Jahre lang das Monopol auf die deutschen Himalaja-Expeditionen an sich gerissen hat, Unfähigkeit vorgeworfen. Wie schon 1953 Buhl macht sich 1970 aus Herrligkoffers Gruppe Messner allein auf den Weg. Eine Kette von Mißgeschicken und unterschiedlich verstandenen Absprachen sowie widersprüchlichen Darstellungen führt zum totalen Zerwürfnis, nachdem Reinhold Messner als erster Mensch die Rupalwand durchklettert hat, mit 4500 Metern die höchste Felswand der Welt, und ihm mit dem Abstieg über die Diamirflanke zudem die erste Überschreitung eines Achttausenders gelungen ist. Daß dabei sein Bruder Günther unter wohl nie mehr zu klärenden Umständen sein Leben verlor, gibt dieser Tour einen mehr als nur bitteren Beigeschmack. Das Drama führte denn auch zu endlosen Beschuldigungen bis hin zum Prozeß.

          Der schönen Aussicht wegen ist noch niemand Höhenbergsteiger geworden. Aber wenn Reinhold Messner heute sagt, in der Expedition 1970 sei eine anarchische Vorstellung vom Bergsteigen auf eine faschistische gestoßen, dann zeigen sich darin Wut, Wahn und Haß, die mit der Trauer um den Bruder allein nicht zu erklären sind. An Toten herrscht im Umfeld Messners kein Mangel. Bergsteigen, zitiert er gern Gottfried Benn, sei der "Widerstand gegen den herausgeforderten Tod", und schlußfolgert: Es bewege sich auf der Grenze zwischen Selbstverschwendung und Selbstzerstörung.

          Die Nanga-Parbat-Besteigung der Brüder Messner, wie Märtin sie beschreibt, erinnert frappant an die Erstbesteigung durch Buhl. Und in einem zeitlichen Paradox schreibt Märtin prompt, daß viele Buhl mit Messner verglichen. Da ist die Verherrlichung längst in vollem Gang.

          Reinhold Messner ist immerhin ein Viertel des Buchs gewidmet, was gerechtfertigt ist, weil Messner 1978 am Nanga Parbat auch die erste Solobesteigung eines Achttausenders gelang. Unverständlich bleibt indes, weshalb Märtin sich in diesem Teil fast ausschließlich auf Messner als Gewährsmann verläßt. Als seien sie von ihm diktiert, klingen viele Formulierungen - von der Einschätzung der politischen Situation Südtirols bis zu Messners Instinkt beim Klettern. Auch die menschliche Seite bleibt nicht unberücksichtigt. "Nachts lag er schweißgebadet und von Alpträumen gepeinigt in dem kleinen Zelt", heißt es über ihn, weil er den Tod des Bruders nur schwer verarbeitet. Vorwürfen, die sich Messner bis heute wegen allerhand Ungereimtheiten gefallen lassen muß und die soweit reichen, er habe den Tod des Bruders für den Rekord in Kauf genommen, geht Märtin aus dem Weg. Und dort, wo Messner von Kollegen das "Bergsteigen als Showgeschäft" vorgeworfen wurde, kontert Märtin unbekümmert: "Ihr vorgeblicher ,Idealismus' war nichts anderes als Unfähigkeit fürs ,Geschäft' mit dem Publikum."

          Auf dieses Metier nun versteht sich Reinhold Messner in der Tat. Ohne über die Trauerarbeit eines Menschen befinden zu wollen, hat es offenbar der Zufall so gefügt, daß Messner just zum Nanga-Parbat-Jubiläum sein vertraglich bestimmtes Schweigen brechen und den Schmerz über den Verlust des Bruders endlich in Worte kleiden kann. Es wurde ein Buch daraus: "Der Nackte Berg". Die Glaubwürdigkeit seiner Schilderung schmälert er nicht unerheblich dadurch, daß er von Erschöpfungszuständen und Halluzinationen spricht, bis hin zu dem Punkt, er sei "irre geworden an seinem Verlorensein". Als Dokument der Vorfälle vom Juni 1970 fehlt dem Text jede Beweiskraft. Als Erklärung hingegen, weshalb die Gipfelüberschreitung für ihn zugleich zum Weg in ein neues Leben, ein neues Bewußtsein wurde, fehlt ihm die Überzeugungskraft.

          Horst Höfler (Hrsg.): "Nanga Parbat". Expeditionen zum "Schicksalsberg der Deutschen" 1934-1962. AS Verlag, Zürich 2002. 144 S., Abb., geb., 49,80 [Euro].

          Ralf-Peter Märtin: "Nanga Parbat". Wahrheit und Wahn des Alpinismus. Berlin Verlag, Berlin 2002. 440 S., Abb., geb., 21,90 [Euro].

          Reinhold Messner: "Der Nackte Berg". Nanga Parbat - Bruder, Tod und Einsamkeit. Malik Verlag, München 2002. 320 S., Abb., geb., 19,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Vom Wesen des Steinzeitmenschen

          Prähistorische Kunst : Vom Wesen des Steinzeitmenschen

          Das Centre Pompidou in Paris widmet sich aktuell als futuristische Museumsmaschine den Projektionen der Moderne in die prähistorische Kunst. Eine Ausstellung, die einer Zeitreise gleicht.

          Topmeldungen

          Nicht zu stoppen: Boris Johnson

          May-Nachfolge : Johnson auch in vierter Auswahlrunde klar vorn

          Boris Johnson hat auch die vorletzte Auswahlrunde bei den britischen Konservativen gewonnen. Innenminister Sajid Javid schied aus. Noch heute folgt die letzte Abstimmung bei den Tory-Abgeordneten.
          Europäisches Tandem: Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian (links) und sein deutscher Amtskollege Heiko Maas am Mittwoch in Paris

          Plan wider die Lähmung : So wollen Maas und Le Drian Europa stärken

          Das deutsch-französische Tandem stockt. Die Außenministerien in Berlin und Paris haben hinter den Kulissen ein Programm entwickelt, wie es künftig besser laufen kann – und Europa handlungsfähiger werden soll.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.