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Rezension: Sachbuch : Über allen Gipfeln ist Buhl

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Eisbrüche, nackter Fels, atemraubend steile Wände: Auf den Fotografien der deutschen Nanga-Parbat-Expeditionen von 1934 bis 1962, die Horst Höfler für einen Bildband zusammengetragen hat, werden alle Formen des Sublimen durchdekliniert. Aber erst im Konterfei des Erstbesteigers Hermann Buhl verdichtet sich der fast schon schicksalhafte Kampf um den Berg.

          Eisbrüche, nackter Fels, atemraubend steile Wände: Auf den Fotografien der deutschen Nanga-Parbat-Expeditionen von 1934 bis 1962, die Horst Höfler für einen Bildband zusammengetragen hat, werden alle Formen des Sublimen durchdekliniert. Aber erst im Konterfei des Erstbesteigers Hermann Buhl verdichtet sich der fast schon schicksalhafte Kampf um den Berg. Das Bild vom 5. Juli 1953, dem Tag nach der Rückkehr vom Gipfel, zeigt einen Greis, dem das Erlebnis tiefe Furchen ins Gesicht gemeißelt hat und der in einer Mischung aus Abwesenheit und Schmerz wie durch die Kamera hindurchstarrt. Nur wer weiß, daß Buhl erst achtundzwanzig Jahre alt gewesen ist, begreift: Dies ist kein Porträt. Es ist die Allegorie des Überlebens.

          Hermann Buhl war Anfang der fünfziger Jahre der vielleicht beste Bergsteiger der Welt. Schon mit achtzehn kletterte er im damals höchsten Grad und unternahm spektakuläre Touren. Von Haus aus arm, soll er selbst im Fels bisweilen in Socken unterwegs gewesen sein. Seine Ausdauer und die Unempfindlichkeit gegen Unwetter waren legendär, sorgten aber nicht nur für Bewunderung. Denn wer nicht mithalten konnte, wurde als Seilpartner kurzerhand ausgetauscht. Ihn asozial zu nennen mag so falsch nicht sein. Buhl folgte fern einer bürgerlichen Existenz nur seinen Regeln. Käme es hart auf hart, so wurde gesagt, ginge er über die eigene Leiche.

          Am Nanga Parbat hatte sich Buhl im Alleingang den sechs Kilometer langen Weg vom letzten Lager zum 8125 Meter hohen Gipfel durch den Schnee gespurt - ein Triumph der Gier über den Verstand. Doch der schlimmste Teil sollte erst kommen. Am Ende war er einundvierzig Stunden unterwegs, bevor er das Lager wieder erreichte. Er hatte nichts zu essen dabei, nichts zu trinken, und um Last zu sparen, den Rucksack mit warmer Kleidung zurückgelassen. In der Nacht mußte er bei minus zwanzig Grad acht Stunden lang stehend an einer Steilwand ausharren. Beim Abstieg begann er zu halluzinieren. Zehn Atemzüge brauchte er pro Schritt. Zwei Zehen erfroren ihm in den Stiefeln.

          "Über allen Gipfeln ist Buhl", würde ihn später der Münchner Oberbürgermeister am Flughafen feiern. Buhl hatte den "Schicksalsberg der Deutschen" besiegt, nachdem dort etwa dreißig Bergsteiger umgekommen waren. Und er symbolisierte - wenngleich Österreicher - so etwas wie den Wiederaufstieg Deutschlands. Im Basislager jedoch herrschte noch ein anderer Ton. Dort wollte man ihm nicht verzeihen, daß er den Gipfel gegen den Plan des Expeditionsleiters Karl Maria Herrligkoffer allein bestiegen und damit den Kameradschaftsgeist verraten hatte. Es war die Rede von Meuterei. Heute kann man Buhls brutalen Ehrgeiz ungleich vornehmer als Paradigmenwechsel bezeichnen.

          "Wahrheit und Wahn des Alpinismus" heißt Ralf-Peter Märtins Buch zum Nanga Parbat im Untertitel. Buhl ist der Dreh- und Angelpunkt. Der Text aber reicht zurück bis 1895, als sich der Engländer Albert Frederick Mummery als erster an einem Achttausender versuchte: dem Nanga Parbat. Und er führt bis in den Sommer 2000, als Reinhold Messner zum dritten Mal den Nanga Parbat besteigen wollte: auf jener Route, auf der sich in 6000 Meter Höhe Mummerys Spuren verlieren.

          Daß Messner den Historiker und Germanisten Märtin auf die Reise mitgenommen hatte, dürfte diesen ebenso beflügelt haben wie das Jubiläum der Erstbesteigung im kommenden Jahr. Aber es läßt sich aus der Geschichte des Nanga Parbat vielleicht tatsächlich besser als aus der jedes anderen Bergs eine Ideengeschichte der Kletterei ableiten - und eine Geschichte deutscher Bergphilosophie.

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