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Rezension: Sachbuch : Über allen Gipfeln ist Buhl

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Schon das Literaturverzeichnis mit rund vierhundert Einträgen macht deutlich, daß es Märtin nicht um eine Abenteuerposse zu tun ist. Und wie er die Entwicklung vom "Genußbergsteigen" zum "Gefahrenbergsteigen" mal in Form der Reportage, mal als präzise Analyse aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet, wie er behutsam Biographien einarbeitet und Exkurse über den Everest oder die Eigernordwand dazwischenschiebt, wie er die immer absurder werdenden Materialschlachten am Berg mit sechshundert Trägern für vierzehn Tonnen Ausrüstung und die immer verletzender werdenden Schlammschlachten in den Medien schildert, verdient größten Respekt - und könnte den Band zu einem Standardwerk machen.

Augenfällig macht es freilich auch den Unterschied zu einem Buch wie Jon Krakauers "In eisige Höhen", dessen enormer Erfolg 1998 jene Lawine von Bergliteratur losgetreten hat, die jetzt die Buchhandlungen überrollt: Krakauer war dabei, als 1996 am Everest acht Menschen starben. So konnte er sich eines mythenerprobten Topos bedienen: des Schiffsuntergangs mit Zuschauer. Märtin wühlte sich hingegen durchs Archiv. Krakauer stieg wirklich über Leichen; Märtin zählt sie aus Berichten zusammen. Krakauer stand auf dem Gipfel; Märtin blieb im Camp zurück, als Messner mit einer kleinen Gruppe losstieg. Dabei wird es Märtin keineswegs zum Verhängnis, daß er aus der Distanz berichtet. Zum Problem wird das Buch dort, wo er diesen Abstand aufhebt.

Es passiert spät; aber im Rückblick erscheint das ganze Buch auf diesen Moment hin angelegt: der Apotheose Reinhold Messners, des "letzten Bergsteigers", wie Märtin ihn nennt. Wie präzis dagegen ist noch seine Darstellung der frühen Expeditionen. Hier dringt er tief in die Strukturen jenes Handelns und Denkens ein, die sich bereits in der Wortwahl damaliger Berichte andeuten. Schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Touren Feldzügen gleichgesetzt, die Bergsteiger als "Soldaten" bezeichnet, die Besteigung als "Generaloffensive", Lawinen als "feindliches Sperrfeuer" und Tote als "Gefallene". Die Gipfelwelt war Zufluchtsort für jene geworden, die nach dem verlorenen Weltkrieg und dem "Schandfrieden von Versailles" solche Tugenden wie Vaterlandsliebe, Heldentum und Selbstaufopferung um keinen Preis aufgeben wollten. Der Glaube, Gipfelsiege taugten als Mittel nationaler Wiedergeburt, erfüllte vorauseilend die Doktrin, nach der 1934 der Reichssportführer Hans von Tschammer die Besteigung des Nanga Parbat "zum Ruhme Deutschlands" fast schon befahl. Die Expedition unter der dilettantischen Führung von Wilhelm Merkl und Wilhelm Welzenbach endete mit neun Toten - darunter die beiden Leiter. Prompt illustrierte das Desaster trefflich Adolf Hitlers Vision, als er auf dem Parteitag 1935 verlangte, die deutsche Jugend müsse "in den schwierigsten Proben die Todesfurcht besiegen" lernen. Ausdrücklich beim Bergsteigen sollte der arische Edelmensch durch Ausdauer und Todesverachtung über mindere Rassen triumphieren. Beim neuerlichen Versuch einer deutschen Gruppe, 1937 den Nanga Parbat zu besteigen, starben sechzehn Menschen.

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