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Rezension: Sachbuch : Trendscouts auf Trüffeljagd

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Sammler sind die Trüffelschweine der Kunstgeschichte. Mit außergewöhnlichem Geschmack und Gespür tragen sie Kunstwerke zusammen, oft bevor Öffentlichkeit und Geschichtsschreibung einen Wertekanon festgeschrieben haben. Kein Wunder, daß sie immer mehr in den Focus der Kunstwissenschaft rücken. Man erforscht nicht ...

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          Sammler sind die Trüffelschweine der Kunstgeschichte. Mit außergewöhnlichem Geschmack und Gespür tragen sie Kunstwerke zusammen, oft bevor Öffentlichkeit und Geschichtsschreibung einen Wertekanon festgeschrieben haben. Kein Wunder, daß sie immer mehr in den Focus der Kunstwissenschaft rücken. Man erforscht nicht nur die Provenienz der Werke, sondern erhält ähnlich wie bei der Erforschung der Kunstkritik ein Bild früherer Geschmacksvorstellungen und ihrer Entwicklung. Die vorliegende Aufsatzsammlung zur französischen Kunst der Moderne in deutschem Privatbesitz wurde von zwei Mitarbeitern der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zusammengetragen. In München und Berlin hatte 1997 die Ausstellung über Hugo von Tschudis "Kampf um die Moderne" bereits die Mitstreiter des progressiven Museumsmannes hervorgehoben. Ohne die Unterstützung der Sammler wäre die Ankaufspolitik von Tschudis Nachfolger Ludwig Justi, die vielmehr eine des Sich-schenken-Lassens war, nicht möglich gewesen. So manche gegenwärtige Skepsis gegenüber den Sammlern zeitgenössischer Kunst mag angesichts der hier ausgebreiteten Vorgeschichte relativiert werden.

          Fast alle Autoren des Bandes haben sich an das Schema gehalten, die Biographien der Sammler vorzustellen, ihre Sammlungstätigkeit so weit als möglich zu rekonstruieren und schließlich die Sammlungen kurz zu charakterisieren. Die Abbildungen der Innenräume, so weit sie überliefert sind, geben einen imposanten Einblick in die bürgerliche Wohnkultur. Neobarocke Ensembles, in denen die Bilder der Impressionisten eigentümlich gewirkt haben müssen, stehen neben progressiven Gesamtkunstwerken von Ausstattung und Dekoration, wie sie etwa Henry van de Velde zusammen mit Maurice Denis geschaffen hat.

          Einige Sammler sind bekannt und wurden bereits in vielen Ausstellungskatalogen immer wieder erwähnt, zum Beispiel Eduard Arnhold in Berlin, Harry Graf Kessler in Weimar oder der Wuppertaler August von der Heydt. Andere wurden erst Anfang der neunziger Jahre wieder zur Kenntnis genommen, als ein Teil ihrer Bilder in russischem Museumsbesitz auftauchte, wie etwa die unrechtmäßig konfiszierten Privatsammlungen von Otto Gerstenberg und Otto Krebs. Einige waren völlig in Vergessenheit geraten wie die Sammlung des Kunstschriftstellers Emil Heilbut, der sich in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts als einer der ersten in Deutschland für Monet eingesetzt hatte, oder der Wiesbadener Theaterintendant Kurt von Mutzenbecher. Städte wie Bremen, Breslau und Wiesbaden werden auf einmal zu namhaften Punkten auf der Karte international orientierter deutscher Privatsammlungen. Andere Sammler sind in Vergessenheit geraten, weil das nationalsozialistische Deutschland die Erinnerung an sie nachhaltig zerstört hat.

          Die Breslauer Sammlung Silberberg ist ein besonders erschütterndes Beispiel dafür, wie dem Sammler Schritt um Schritt Sammlung und Vermögen abgepreßt wurden, um ihn schließlich zu ermorden. Sie zeigt auch, wie spitzfindig man diese Vorgänge beurteilen muß, um die Rechtmäßigkeit heutigen Kunstbesitzes zu beurteilen. Silberberg ließ 1935 seine Sammlung versteigern, und die willigen Finanzbehörden brachten ihn in den folgenden Jahren um den Erlös. Doch die Auktionen waren nach heutigem Kenntnisstand rechtens, so daß zum Beispiel die vor einigen Jahren von den Berliner Museen voreilig zurückgegebene van Gogh-Zeichnung als leichtfertig verschleudert zu bezeichnen ist.

          Fast alle der vorgestellten Sammler ließen sich von "Trend-Scouts" wie Julius Meier-Graefe oder Henri van de Velde führen, und die meisten trugen Sammlungen zusammen, deren Werke zwanzig Jahre und älter waren. Nur eine Minderheit - etwa von der Heydt, Köhler und Reber - weiteten ihre Sammlung auf die Zeitgenossen, die Fauves und die Kubisten aus, und entsprechen damit den Vorstellungen vom fortschrittlichen und geschmacksbildenden Kunstsammler. Andere progressive Sammler wie Curt Glaser, Oskar Moll oder Hugo Perls fehlen in diesem Band hingegen.

          Angesichts der Auswahl der Sammler stellt sich die Frage, ob nicht eine Persönlichkeit wie Graf Schack in München zu seiner Zeit moderner war als die meisten Freunde französischer Kunst, indem er seit den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts Werke bei jungen Zeitgenossen in Auftrag gab oder direkt aus den Ateliers und Ausstellungen erwarb. Auch einer der wenigen in diesem Sinne herausragenden Sammler nach 1900, Karl Ernst Osthaus, für den der Schritt von den französischen Postimpressionisten zum Expressionismus eines Matisse und der Brücke-Künstler selbstverständlich war, fehlt in diesem Band, obwohl er für wohl alle anderen Sammler, die sich so weit ins Zeitgeschehen wagten, zum Vorbild wurde.

          Insgesamt entsteht aus der Rekonstruktion der Sammlungen jedoch ein Musée imaginaire mit Werken, die heute leider nicht deutsche Museen, sondern internationale öffentliche und private Sammlungen zieren. Einmal mehr wird der Verlust durch die wirtschaftliche Talfahrt der zwanziger Jahre und noch viel mehr durch die Nazi-Zeit deutlich. Aber es ist eben auch - leider - keine Selbstverständlichkeit, daß herausragende Privatsammlungen der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich gemacht werden, wie das Beispiel dreier Bremer Privatsammlungen zeigt. Sie wurden aufgelöst, obwohl es in den Bürgerstädten wie Hamburg, Frankfurt oder eben Bremen ein intensives Engagement für die Museen gegeben hat.

          ANDREAS STROBL

          Andrea Pophanken, Felix Billeter (Hrsg.): "Die Moderne und ihre Sammler". Französische Kunst in deutschem Privatbesitz vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Akademie Verlag, Berlin 2001. IX, 426 S,, 16 Farb- und 85 S/W-Abb., geb., 49,80 .

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