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Rezension: Sachbuch : Trauerweideland

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Geert Maks Abgesang auf ein kleines Dorf / Von Dirk Schümer

          Christus kam nur bis Eboli" - der Titel von Carlo Levis berühmter Schilderung seines Lebens während seiner Verbannung im abgelegenen Dorf Gagliano schwingt deutlich mit: "Wie Gott verschwand aus Jorwerd". Beide Male der archaisch-sprichwörtliche Ton, die metaphysische Instanz, der unbekannte Name eines abgelegenen Ortes. Wo Levi indes das Elend eines Zusammenlebens beschreibt, das weitgehend vom technischen Fortschritt übersehen blieb und immer noch nach halbheidnischen Ritualen geregelt wurde, da schildert der niederländische Autor Geert Mak ein Dorf, dessen Eigenart die agroindustrielle Entwicklung der vergangenen dreißig Jahre nahezu verzehrt hat. Mag das zwanzigste Jahrhundert Gagliano niemals erreicht haben, ins friesische Jorwerd, südwestlich der Provinzhauptstadt Leevwarden, ist es mit solcher Wucht eingefallen, daß sich die Religion, beschwörende Anrufung der Wohlstand wie Vernichtung bringenden Kräfte, inzwischen nahezu erübrigt hat.

          Doch wieso taugt ausgerechnet dieser Weiler für das Epos vom "Untergang des Dorfes in Europa"? Im Ausland, namentlich in Deutschland, gelten die Niederländer als Bauernvolk. Wie sie es verstanden, aus sumpfigem Marschland und kahler Heide ihrer kleinen Heimat eine der maßgeblichen Nahrungsmittelindustrien der Welt zu stampfen, wie sie den deutschen Markt mit wäßrigen Tomaten, Normsalat, Zuchtblumen, allerlei konkurrenzlosem Hartkäse und weiteren gigantischen Mengen von Milchprodukten eroberten, das macht ihnen keiner nach. Daß sie das derzeit mit nur noch zwei Prozent der Bevölkerung schaffen, schmälert die Bewunderung nicht. Vor allem die friesischen Kühe, die Jorwerds Ställe bevölkern, sind für ihre leistungsfähigen Euter weltberühmt.

          Um eine Landwirtschaft, die im Jahr elf Milliarden Liter Milch produziert, kann es so schlecht nicht bestellt sein. Und doch erzählt Mak gleich am Anfang von einer verschwindenden, leise sterbenden Welt, wenn er den Landarbeiter Peet de Groot schildert, der an einem unwirtlichen Herbsttag beim Lauchschneiden in seinem Garten umkippt und später tot in einem Wassergraben gefunden wird. In diesem einfühlsamen Stil geht es weiter. Der Autor ist überzeugt, daß mit solchen Menschen, die ihr Dorf so gut wie nie verlassen haben, eine Welt untergeht. Die Geschichten einer Kultur, die sich in der letzten Generation nachhaltiger gewandelt hat als in den zweitausend Jahren davor, möchte der Journalist Mak wenigstens in der Erinnerung bewahren. Für seine Langzeitstudie ist er nach Jorwerd gezogen und läßt die Leute ausgiebig zu Wort kommen. Der passionierte Städter Mak hat diese Methode, aufgeschriebene Historie durch orales Vermächtnis und reportagehafte Beobachtung zu einem stimmigen Bild zu verschmelzen, bereits erfolgreich mit zwei Büchern praktiziert, welche "Geschichte von unten" am Beispiel Amsterdams schildern.

          Bei den Jorwerdern mußte der quirlige Rechercheur die Kunst der Konzentration erlernen, mußte die Aufmerksamkeit auf einige wenige Familien, ein paar Bauernhöfe und das scheinbar ahistorische Gleichmaß dörflichen Lebens konzentrieren. Da werden Ereignisse - die Schließung des letzten Lebensmittelgeschäfts 1968, der Einsturz des Kirchturms 1951 und vor allem die Einführung der Melkmaschine nach 1945 - zu epochalen Einschnitten. Die himmelweite, regnerische und doch erhabene Ödnis Frieslands erleichterte ihm die Aufgabe; Beschreibungen von Jahreszeiten, Wetter und Licht verleihen dem Buch sinnliche Überzeugungskraft. Wenn der Autor unspektakuläre Lebenslinien eines Knechtes, einer Bäuerin oder eines Dorfschmieds nachzeichnet, bekommt der abgelegenste Alltag literarische Dimensionen. Wir erfahren vom täglichen Ritual des Melkens, das morgens um vier begann, vom Beieinander der Knechte und Mägde im Stall, von der Stille einer Welt ohne Traktoren und Maschinen, von der Kargheit und der strengen Sozialkontrolle durch gegenseitiges Beobachten und vom Abwehrkampf der friesischen Sprache.

          Sosehr sich ein Ton des Bedauerns über den Untergang einer Lebensform in dieses - übrigens höchst kundig übersetzte und kommentierte - Epos mischt, so wenig kann man Mak nicht vorwerfen, das primitive Landleben mit der typischen Naivität eines Außenstehenden zu verklären. Gerade die Bauern, die jetzt mit dem modernen Teufelskreis aus Investition, Bürokratisierung und Überproduktion nicht mehr zurechtkommen, weinen der mühseligen Plackerei vor der Anschaffung von Trecker, Dresch- und Melkmaschine keine Träne nach. So erzählt ein alter Jorwerder Bauer zwar, daß er heute noch nachts im Traum mit seinem Pferdegespann das Feld pflüge, daß er sich aber auf seinem Hochleistungstrecker - "im Warmen und das Radio an" - auf dem Acker wundervoll fühle.

          Wenn nun aber soziale Sicherheit, Gesundheitspflege, Konsum und überdörfliche Kommunikation erst mit den Maschinen und nach 1965 mit den Zuwanderern aus den Großstädten nach Jorwerd kamen, worin besteht dann die kollektive Katastrophe, von der Mak - leider mit einer gewissen Langatmigkeit - berichtet? Gemeint ist wohl die Unterwerfung der Dörfler unter eine fremde Rationalität, die nichts mehr mit der Beharrungskraft zu tun hat, welche das bäuerliche Leben viele Jahrhunderte überstehen ließ. Wie die kapitalistische Lebensform alle differierenden Milieus ausgerottet hat, kann man nirgends besser sehen als in den zersiedelten Niederlanden. Die einsamen Bauern, die jetzt mit dem Computer das Futter berechnen, vollautomatische Mistabfuhr bedienen und um jeden Liter Brüsseler Milchquote feilschen, unterscheidet nichts mehr von einem Ingenieur oder Bauunternehmer. Mak schreibt es zwar nie explizit, aber er scheint seine Zweifel zu haben, ob das lange gutgeht.

          Geert Mak: "Wie Gott verschwand aus Jorwerd - Der Untergang des Dorfes in Europa". Aus dem Niederländischen von Isabelle de Keghel. Siedler Verlag, Berlin 1999. 318 S., geb., 49,90 DM.

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