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Rezension: Sachbuch : Tränen lügen nicht

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Harald Strohm folgt seinen Gefühlen und findet die geheime Geschichte des Nationalsozialismus

          "Die - neben dem Marxismus - mächtigste und folgenschwerste gnostische ,Bewegung' des zwanzigsten Jahrhunderts war der Nationalsozialismus." Dieser provozierende Satz ist die Grundthese von Harald Strohms Buch. Der Verfasser möchte zur Klärung der historischen Wurzeln der Nazi-Ideologie beitragen - besonders im Hinblick auf Alfred Rosenbergs "Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts" als Religion des Blutes und der Rasse und auf Adolf Hitlers Weltanschauung, wie sie aus mündlichen Quellen und aus dem Zeugnis von "Mein Kampf" zu rekonstruieren ist.

          Strohm versteht seine Untersuchung als eine Hilfe zur "Vergangenheitsbewältigung", und zwar in doppelter Hinsicht: als eine "Mythologie" (Teil I des Bandes), die das gefährliche und weit verzweigte gnostische "Wurzelwerk im Untergrund des Abendlandes" aufdecken soll, und als eine "Psychologie" (Teil II), welche die gnostischen Mechanismen analysiert, die der seelischen Verfassung Hitlers zugrunde lagen. Denn die "Autismuskapsel konturenlosen Selbst- und Welthasses", in der der sogenannte "Führer" seit seiner Kindheit eingeschlossen gewesen sein soll, ist nach Strohm für einen Gnostiker geradezu charakteristisch: "Hitlers Angst war psychotisch-brutal - wie die der einstigen Manichäer. Solcher Angst hilflos ausgeliefert, begegnete Hitler, ein Jüngling noch von nicht einmal achtzehn Jahren, dem neugnostischen Mythos."

          Psychologie und Geistesgeschichte sind die zwei Hauptbestandteile des Buches. In die Art und Weise, wie es geschrieben wurde, gibt der Verfasser einen offenen, leicht besorgniserregenden Einblick: "Während seiner Niederschrift achtete ich auf die Reaktionen meines Körpers und meiner Gefühle. Wo sich Dumpfheit, Verwirrung und Verzweiflung einstellten, wo meine Augen stier und meine Gesichtsmuskeln hart wurden - setzte ich den Rotstift an. Gefühle gelten nach herrschendem Vorurteil als unsachlich: wissenschaftliche Diskurse hätten sich davon freizuhalten. Bei beiden hier behandelten Themen, Gnosis und Nationalsozialismus, wäre solche Nüchternheit zynisch und das pure Gegenteil von sachgerecht. Dabei besteht, gewiß, die Gefahr, daß die verhandelte Sache primär eine Privatangelegenheit bleibt und der Autor seine eigenen psychischen Defekte ins Kollektive projiziert. Inwieweit dies im folgenden Text der Fall ist, müssen andere beurteilen. Ich selbst erlebte meine Gefühle und Körperreaktionen (zum Beispiel Tränen) als zuverlässige und sachorientierte Wegweiser."

          Der Autor setzt viel Vertrauen in diese Art "phänomenologisch-existentialistischer" Methode, bei der er "sich hineinzudenken versucht", um philosophische Lehren "zu spüren zu bekommen". So konstruiert er eine fast allumfassende gnostische Genealogie, die von den Bogomilen und den Katharern über die mittelalterliche Alchimie, Mystik und Kabbala bis zu Helena Blavatsky, Rudolf Steiner und Ron L. Hubbard reicht und sich verzweigt in die Tübinger Rosenkreutzer, Teilhard de Chardin, Aleister Crowley, Fichte, Hegel, Schelling, Scheler, Jaspers, General Ludendorff, Lanz von Liebenfels, Hitler und Rosenberg. Es sind dies nur einige Beispiele dafür, wie "die subjektivierende Autismus-Software des Manichäismus und insgesamt der orientalischen Lichtreligionen das Abendland infizierte. Vor allem Descartes und Fichte übersetzten dann in der Neuzeit die codierte Software in die Sprache der Subjektivitätsphilosophie."

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