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Rezension: Sachbuch : Tonsetzers Gallenbitterkeit

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Als "Hauptschuldiger" eingestuft, doch als "vom Gesetz nicht betroffen" freigesprochen: Die Spruchkammer ließ sich in Hans Pfitzners Entnazifizierungsprozeß von einundvierzig "Persilscheinen" seiner Freunde und Parteigänger, von denen etliche politisch keineswegs unbescholten waren, ebenso überrumpeln wie von der raffinierten Verteidigungsschrift seines Rechtsanwalts, die sie unbefragt übernahm.

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          Als "Hauptschuldiger" eingestuft, doch als "vom Gesetz nicht betroffen" freigesprochen: Die Spruchkammer ließ sich in Hans Pfitzners Entnazifizierungsprozeß von einundvierzig "Persilscheinen" seiner Freunde und Parteigänger, von denen etliche politisch keineswegs unbescholten waren, ebenso überrumpeln wie von der raffinierten Verteidigungsschrift seines Rechtsanwalts, die sie unbefragt übernahm. Als hätten sich fahrlässige Recherche und allzu rasches Urteil der alliierten Behörden nachträglich gerächt, wurde Pfitzner die braunen Flecken trotz aller Weißwäscherei seiner Getreuen inner- und außerhalb der Pfitzner-Gesellschaften bis heute nicht los. Zu Recht läßt auch die Musikwissenschaftlerin Sabine Busch in ihrer umfassenden, gründlichen Dokumentation "Hans Pfitzner und der Nationalsozialismus", der ersten allein auf Pfitzner bezogenen Gesamtdarstellung, diesen Schluß zu: "Wahrscheinlich trugen die Vertuschungsversuche seiner Interessenvertreter dazu bei, daß mancher kritische Betrachter von nun an fast automatisch eine politisch befleckte Vergangenheit unterstellte ..."

          Doch die Autorin führt nicht "dezidiert und ausschließlich pronazistische Dokumente" vor. Andererseits hütet sie sich, Pfitzners Rempeleien mit den Nazi-Bonzen zu Heldentaten eines Regimegegners umzudeuten, wie es manche seiner Fürsprecher seit der Entnazifizierung taten. Ihre Auswertung aller bisher zugänglichen Dokumente, darunter etlicher neu aufgefundener oder erstmals unzensiert im vollen Wortlaut veröffentlichter Materialien, komplettiert und untermauert vielmehr das bekannte Bild vom antisemitischen Chauvinisten, der von sich behauptete: "Ich habe zeit meines Lebens in diese Kerbe gehauen, die heute als theoretische Voraussetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung gilt."

          "Zeit meines Lebens" heißt: vom Ersten Weltkrieg, in dem sein Pamphlet "Futuristengefahr" als Antwort auf Ferruccio Busonis "Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst" entstand, bis zu seinem Lebensende am 22. Mai 1949. Makaber sind zwei Beispiele für seine starrsinnige Unbelehrbarkeit über den Untergang des Regimes hinaus. Pfitzner, der wie Richard Wagner ihm persönlich nützliche Juden vom Antisemitismus ausnahm, behauptete in seinem Brief vom 6. Juli 1946 an den Dirigenten Bruno Walter, sein ebenfalls jüdischer Jugendfreund Paul Cossmann sei "an einer Krankheit im Krankenhause in Theresienstadt (gestorben), unter guter, ärztlicher Behandlung". Auf Walters Aufklärung über das Entsetzliche in den Lagern, das alles übersteige, "was die Phantasie an Grausamkeit ausdenken könnte", reagierte Pfitzner mit einer Paraphrase seiner "Glosse zum II. Weltkrieg". Darin hatte er sich kurz nach Kriegsende leidenschaftlich zu Hitler, der NSDAP, zum "unausbleiblichen" Zweiten Weltkrieg als Zwangsfolge des verlorenen Ersten Weltkriegs bekannt. Goebbels' gelehriger Schüler verharmloste die Massenmorde in den Lagern als unvermeidlich "in solchen Umwälzungsperioden", verglich sie mit der Ausrottung der indianischen Ureinwohner durch die Amerikaner und rechnete sie gegen die "Grausamkeiten" auf, "die an uns verübt wurden".

          Da verschlägt es zunächst auch der Autorin die Sprache, ehe sie sich zu einem abwägenden, doch entschiedenen Kommentar durchringt: Der "deutscheste aller deutschen Komponisten", wie Pfitzner sich gern nannte, verbiß sich in das untergegangene System, um sein eigenes ressentimentgeladenes Weltbild retten zu können. Zu Recht wertet Sabine Busch die "Glosse" als "das umstrittenste Zeugnis des ,politischen' Pfitzner, das in der einschlägigen Forschung gerne unterschlagen" werde. Sie sei "die schärfste Waffe, die der Künstler den Verfechtern eines negativen Pfitzner-Bildes, die ihn gerne als Vertreter einer NS-Gesinnung darstellen wollen, in die Hand geben konnte".

          Ob der Komponist mit seiner Gesinnung unmittelbar Schaden gestiftet hat, ist aus den Quellen bislang nicht zu erschließen. Wie sehr Pfitzner jedoch indirekt Regimegegner gefährdete, wird am prominenten Beispiel Thomas Manns ausführlich erörtert. Der Münchner Protest gegen Manns Wagner-Vortrag, den Pfitzner wahrscheinlich nicht initiierte, aber mit unterschrieb, trieb den Schriftsteller überstürzt ins Exil. Auf Pfitzners Anpöbelungen in einem Brief an Bruno Walter und in der "Glosse" reagierte Mann 1947 ironisch-distanziert, nannte den auf Manns Exildasein neidischen Komponisten "ein(en) namhafte(n) alte(n) Tonsetzer in München, treudeutsch und bitterböse ..., von seiner Unbelehrbarkeit, dem unverbesserlichen Dünkel, der ... doch Jammers genug über dies unselige Volk gebracht hat, ganz abgesehen". Sabine Buschs Vergleich der beiden Persönlichkeiten ist - bei einer erstaunlich parallelen kulturellen und politischen Ausgangslage - vor allem nach dem Abbruch der Beziehung aufschlußreich: Von Thomas Manns Wende von einer national-konservativen zu einer demokratischen Einstellung heben sich Pfitzners Verblendung und Starrsinn um so beklemmender ab.

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