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Rezension: Sachbuch : Theodizee in der Flasche

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Das Testament des Jossel Rakover, aufgezeichnet von Zvi Kolitz

          4 Min.

          Im April 1943 brach der Aufstand aus, mit dem sich die letzten Überlebenden des Warschauer Ghettos gegen ihre Ermordung zu wehren versuchten. Der hoffnungslose Kampf dauerte nur drei Wochen und endete mit dem Freitod des Führungsstabes; im kollektiven Gedächtnis der Juden aber hat sich um dieses Ereignis ein Mythos gebildet, der in die nationale Identität Israels einging. Denn die Jahrtausende des europäischen Exils durften für den jungen Staat nicht ohne eine symbolische Selbstbehauptung zu Ende gegangen sein.

          Ein Mythos schreibt sich in vielen Texten aus, und einer dieser Texte liegt dem deutschen Leser nun in Buchform vor. Der Journalist Zvi Kolitz veröffentlichte ihn am 25. September 1946 erstmals in Argentiniens "Jiddischer Zeitung". Er erzählt, wie der Ghettokämpfer Jossel Rakover in seiner Sterbestunde zu Gott spricht: Kurz bevor er den SS-Schergen zum Opfer fällt, führt Jossel, fromm bis ans bittere Ende, eine letzte Unterredung mit seinem Herrn.

          "In einer der Ruinen des Warschauer Ghettos", schreibt Kolitz zu Beginn, "ist zwischen Haufen verkohlter Steine und menschlichem Gebein das folgende Testament gefunden worden, in einer kleinen Flasche versteckt." Mit dieser Herausgeberfiktion führt er den Leser in den scheinbar authentischen Text ein und läßt Jossel Rakover von nun an als Ich-Erzähler sprechen. Rakovers Bericht steht unter dem Datum des 28. April 1943, scheint mitten im Kampf gegen die Deutschen geschrieben zu sein, in der Stunde des Sonnenuntergangs. Jossel erwartet den letzten Angriff des Feindes, ist sicher, daß er den Kampf nicht überleben wird, will ihn auch gar nicht überleben. Denn die Welt, aus der er scheidet, ist für ihn sinnlos geworden. Aus Grodno ist er ins Warschauer Ghetto gekommen, in einem deutschen Bombenhagel hat er seine Frau und drei Kinder verloren; seine drei anderen Kinder sind im Ghetto umgebracht worden. Jossel Rakover ist ein Chassid, und das biblische Gleichnis, in dessen Licht er zunächst sein Schicksal deutet, ist ein Teil seiner religiösen Weltsicht. "Jetzt ist meine Stunde gekommen", lesen wir, "und wie Hiob kann ich von mir sagen: Nackt kehre ich zur Erde zurück, nackt, wie am Tag, als ich geboren wurde."

          Doch nun, am anderen Ende seines Lebens, tritt Jossel Rakover über die Grenzen des Hiobsgleichnisses hinaus. "Ich sage aber nicht wie Hiob", heißt es, "daß Gott seinen Finger auf meine Sünde legen soll, damit ich weiß, wofür ich dies verdiene. Denn dies ist keine Frage von Strafen und Sünden mehr." Der fromme Jude Jossel Rakover gibt sich mit keiner vorgeschriebenen Theodizee zufrieden, in der Stunde seiner Wahrheit stellt er das Gespräch mit dem Herrn auf neue, für ihn bisher unerhörte Voraussetzungen. "Früher, als es mir gutging", sagt er über Gott, "war meine Beziehung zu Ihm wie zu einem, der mich ohne Unterlaß beschenkte - und dem ich dafür ständig etwas schuldig blieb. Jetzt ist meine Beziehung zu Ihm wie zu einem, der auch mir etwas schuldet, viel schuldet. Und weil ich fühle, daß auch er in meiner Schuld steht, darum, denke ich, habe ich das Recht, Ihn zu mahnen."

          Anderthalb Jahre nach Kriegsende schreibt Zvi Kolitz ein Lehrstück über die Tragödie seines Volkes. Schon das Datum der Veröffentlichung verweist auf seinen Symbolcharakter: Der Text erscheint in der Jom-Kippur-Ausgabe der "Jiddischen Zeitung", am heiligsten Feiertag der Juden, an dem sie ihr eindringlichstes Gespräch mit Gott führen. Und noch manches andere zeigt an, daß es sich hier nicht um den authentischen Bericht eines Ghettokämpfers in seiner Todesstunde handelt, sondern um eine im nachhinein erdachte Allegorie über den Zustand der Welt.

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