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Rezension: Sachbuch : Talking Heads

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Sprechende Köpfe, geschwätzige Forscher: Die Lindenstraße im Blick der Wissenschaft

          5 Min.

          Ein Höllenkreis der Selbstreferenz: unbeholfene Akteure, hölzerne Sprache, angemaßter Anspruch, endlose Wiederholung des Immergleichen. Das ist nicht die Welt der Lindenstraße, sondern die der Lindenstraßenforschung. 150 wissenschaftliche Arbeiten sollen der seit zehn Jahren ausgestrahlten Fernsehserie gewidmet worden sein, darunter eine Habilitationsschrift. Vierzehn Aufsätze vereint der von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität Trier herausgegebene Sammelband. Ist hier die Crème der Lindenstraßenforschung vertreten? Man mag sich gar nicht ausmalen, wie die Produkte der übrigen 136 Fachleute aussehen.

          Nur noch einer der Autoren schreibt im Geist des späten Adorno und des frühen Benny Beimer dem Fernsehen ein "Verdummungspotential" zu. Aber vielleicht hat er recht; untersucht man Sprachbeherrschung und logische Fähigkeiten der hier versammelten Berufsgucker, wird man reiche Belege finden. Notwendig wird auch der Adorno-Jünger zum Opfer der tragischen Selbstverschlingung der Kritischen Theorie: "Die Nachhaltigkeit, mit der die ,Lindenstraße' das mißlingende Leben vorführt, indiziert auf den Grad seiner gesellschaftlichen Verdichtung; die Nachhaltigkeit, mit der die Menschen es zu Unterhaltungszwecken annehmen, läßt ahnen, wie der Grad zwischen TV-Scheinwirklichkeit und Alltag zu schwinden droht." Die Nachhaltigkeit, mit der die Lindenstraßenforschung das mißlingende Denken vorführt, läßt ahnen, daß die Grenze zwischen Wahnsinn und Methode geschwunden ist. All denen, die sozialdemokratische Kulturpolitik und germanistische Lehre auf "Medienkompetenz" umstellen wollen, sei diese Demonstration der Inkompetenz eine Flammenschrift auf dem Schirm.

          Die Medienwissenschaft bearbeitet hier das denkbar dankbarste Objekt: eine der erfolgreichsten Sendungen des deutschen Fernsehens, die durch den Einbau von Gesellschaftskritik und Selbstironie selbst für ihre wissenschaftliche Anschlußfähigkeit gesorgt hat. Das Prinzip der Untersuchungen ist einfach: Was jedem Zuschauer aufgefallen ist, formulieren sie noch einmal, nur breiter und schlechter.

          Mit den Bildern fängt es an. "Familienserien sind ein Genre sprechender, von Emotionen bewegter Köpfe." Großaufnahmen dieser Köpfe "haben eine doppelte Funktion: Einerseits sollen sie vor allem die Emotionen der handelnden Figuren zeigen, andererseits sind sie damit zugleich ein Moment der direkten Ansprache des Publikums, sie haben also eine Adressierungsfunktion." Was wird adressiert? Verlobungskarten, Hochzeitseinladungen, Todesanzeigen. Es handelt sich schließlich um eine Familienserie. "In der Familie ist der Bezug zur Lebenswelt hergestellt, denn jeder hat zumindest einmal in einer familienähnlichen Struktur gelebt."

          Wie aber steht es um den Bezug zur Lebenswelt derjenigen, die in keiner familienähnlichen Struktur mehr leben? Auch für sie bietet die Serie "ein sehr breites Spektrum an unterschiedlichen Charakteren, die als Identifikationsangebote dienen, aber auch zu Distanzierungsprozessen führen können". Das wird sich auch Gott gedacht haben, als er das Drehbuch für Kain und Abel schrieb.

          Wie freilich der Kunstmaler Franz Schildknecht seine Nachbarn nicht nur mit Panoramen, sondern auch mit Porträts beglückte, so steht hier neben der kühnen Generalisierung die penible Mikroanalyse. Wenn Helga Beimer den Seitensprung ihres Gatten eine "unglückselige Affäre" nennt, dieser indes von seiner "Beziehung zu Anna" spricht, versteht sich der Unterschied auch für denjenigen, der noch nie in einer eheähnlichen Struktur gelebt hat. Nicht für die Wissenschaft; sie muß erklären. "Helga Beimer bewertet die Beziehung von Hans Beimer zu Anna Ziegler eindeutig negativ." Ihr Mann dagegen "bringt implizit zum Ausdruck, daß er über sein Verhältnis zu Anna Ziegler positiv denkt", ist doch der Begriff "Beziehung", "wenn er das Verhältnis zwischen eng miteinander verbundenen Personen kennzeichnen soll, positiv konnotiert". Was Hans Beimer, der taktvolle Sozialarbeiter, implizit ließ, macht die Wissenschaft explizit, plump, ironiefest, gnadenlos wie Else Kling.

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