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Rezension: Sachbuch : Taghelle Aussichten eines Bunkermenschen

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Er drängt, bettelt. Man möchte ihm bitte die gewünschten Bücher schicken. Im besetzten Paris zieht der Soldat und promovierte Historiker Felix Hartlaub dann selber los. Broschierte Bücher sind billig zu haben. Am 8. März 1945, die europäische Welt liegt in Schutt und Asche, bittet Hartlaub seinen Vater, ...

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          Er drängt, bettelt. Man möchte ihm bitte die gewünschten Bücher schicken. Im besetzten Paris zieht der Soldat und promovierte Historiker Felix Hartlaub dann selber los. Broschierte Bücher sind billig zu haben. Am 8. März 1945, die europäische Welt liegt in Schutt und Asche, bittet Hartlaub seinen Vater, den er mit seinen 31 Jahren "Pappi" nennt, um Reclambändchen - Gotthelf, Kleist, Schiller, Shakespeare. Der Kanon ist intakt.

          Zerbrochen ist der Lebenszusammenhang. Der Weltkrieg hat Hartlaub aus seinen geliebten Studien für das Staatsexamen gerissen. Am 13. September 1943 sinniert er in einem Brief an seinen Vater über die nahen beruflichen Aussichten: "Zu großen wissenschaftlichen oder litterarischen Arbeiten wird einfach die materielle Grundlage fehlen . . . Es käme wohl auf zündende kleine litterarische Schöpfungen aus dem Erleben dieser Jahre heraus an." Noch ist die Lebenszeit nicht ganz verloren. Hartlaub macht aus seinen besonderen Erfahrungen während der Kriegsjahre eine ganz individuelle Quelle. Am 30. Mai 1944 wendet er sich mit einem Arbeitsprojekt an den Rechtsphilosophen Gustav Radbruch, der 1933 gezwungen worden war, die Heidelberger Universität zu verlassen: "Die Frage nach der Genese, nach dem wie war es möglich" sei wahrscheinlich die einzige, die noch an seine, Hartlaubs, Generation gestellt werde. "In diesem Zusammenhang wird mir auch deutlich, dass es eigentlich nur ein Studiengebiet geben kann, für das man die Möglichkeit eigener Einsichten mitbringt: das deutsche 19. Jahrhundert." Das eigene Erleben für die Poesie, die eigenen Einsichten für die Wissenschaft.

          Was bleibt, sind Fragmente und Vorschläge. Denn Anfang Mai 1945 wird Hartlaub zur Infanterie abkommandiert. Er besucht noch einmal Freunde in Berlin. Er soll sich in Berlin-Spandau melden. Dort trifft er nicht ein. Seitdem gilt er als vermißt - ein früh Unvollendeter. In den fünfziger Jahren werden Schriftsteller und Kritiker aufmerksam. Hans Egon Holthusen lobt 1951: "Man hat Grund zu vermuten, daß uns in Hartlaub eine Begabung ersten Ranges verlorengegangen ist, vielleicht das stärkste Prosa-Talent der jüngeren deutschen Generation." Heinz Piontek lobt 1956: Hartlaubs Sprache sei "gegenwärtig doch die fortschrittlichste und modernste Prosa, über die wir seit Benns ,Ptolemäer' in Deutschland verfügen". Ein kurzer Sommer des Ruhms. Dann wird es um ihn still.

          Felix Hartlaub wird am 17. Juni 1913 in Bremen geboren. Die Familie zieht nach Mannheim, der Vater, Kunsthistoriker, übernimmt die Leitung der Städtischen Kunsthalle. Die Mutter stirbt 1930. Der Vater muß 1933 als Direktor zurücktreten, weil er "entartete Kunst" ausgestellt hat. Hartlaub studiert Romanistik, Geschichte, Kunstgeschichte in Heidelberg und Berlin. Mit Beginn des Kriegs beginnt sein Kampf um einen Platz im Archiv. Im September 1939 wird er zur Wehrmacht eingezogen. Im Jahr darauf arbeitet er bei der Historischen Archivkommission des Auswärtigen Amtes in Paris, geht als Soldat nach Rumänien. Ende 1941 arbeitet er in Berlin bei der Wehrmachtskriegsgeschichte, darauf im Führerhauptquartier.

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