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Rezension: Sachbuch : Täterschaft und Resistenz

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Westfälische Psychiater auf dem Weg vom Kaiserreich zu Hitler

          Ende der siebziger Jahre wertete der kanadische Historiker Michael H. Kater 4177 von etwa 79000 Karteikarten der in der Reichsärztekammer registrierten Humanmediziner mit deutscher Reichsbürgerschaft aus und kam zu dem überraschenden Resultat, daß knapp 45 Prozent von ihnen Mitglied der NSDAP waren - Lehrer und Rechtsanwälte waren dagegen "nur" zu 23 beziehungsweise 35 Prozent in der NSDAP organisiert. Zehn Jahre später bezifferte Kater in seinem Buch "Doctors under Hitler" die Zahl derjenigen Ärzte, die das braune Parteibuch besaßen oder Mitglied einer nationalsozialistischen Gliederung oder eines entsprechenden Verbandes (in diesem Zusammenhang vor allem: des NS-Deutschen Ärztebundes) waren, sogar auf 69,2 Prozent. Seitdem tauchte immer wieder die Frage nach den Gründen für diese augenfällige Affinität auf, ohne daß ihr allerdings systematisch nachgegangen worden wäre.

          Mit der Habilitationsschrift des Siegener Historikers Franz-Werner Kersting liegt nunmehr eine erste medizinhistorische Längsschnittanalyse vom Kaiserreich bis zur frühen Bundesrepublik vor, die genauere Aufschlüsse über die Hintergründe der ärztlichen Nazifizierung zu geben vermag. Vor einer voreiligen Verallgemeinerung der hier erzielten Ergebnisse ist jedoch zu warnen, fällt doch die von Kersting untersuchte Gruppe in mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen des Üblichen hinaus: Denn einmal läßt Westfalen mit seiner spezifischen konfessionellen Problematik keine generellen Aussagen für die Verhältnisse auf Reichsebene zu; zum anderen handelt es sich bei der untersuchten Gruppe um Anstaltsärzte, deren Beamtenstatus einen wichtigen Unterschied zu privat praktizierenden Ärzten markiert. Nicht zuletzt untersucht Kersting Vertreter der psychiatrischen Disziplin, und deren Profil dürfte kaum vergleichbar mit dem einer anderen medizinischen Fachrichtung sein.

          Von den 117 in Westfalen zwischen 1933 und 1945 tätigen Anstaltspsychiatern waren 64 Prozent Mitglied der NSDAP. Kersting macht für diese Diskrepanz in bezug auf die Reichsärzteschaft eine ganze Reihe von Gründen verantwortlich: der große Anteil jüngerer Ärzte in der westfälischen Psychiatrie, "Weimarer Sozialisation in NS- und anderen republikfeindlichen Verbänden; die zeitliche Überschneidung von Approbation und Berufsanfang mit den Weimarer Krisenjahren der Inflation, des Beamtenabbaus und der Großen Depression (sic!); beruflicher Anpassungszwang und Opportunismus; schließlich auch der Gesinnungsdruck . . . durch überzeugte Nationalsozialisten in Direktorstellung"; "die staatsnahe Stellung und Tradition des Anstaltsarztberufes als Beamtenlaufbahn sowie die schon vor 1933 stark ausgeprägte politische Rechtstendenz unter den Angehörigen dieser Laufbahn".

          Auffällig ist, daß Kersting den "berufs-und gesundheitspolitischen Übereinstimmungen der Psychiater mit dem NS-System" - nach Überzeugung mancher anderer Historiker der entscheidende Grund für den hohen Organisationsgrad gerade der jungen Ärzte, die angesichts neuer Behandlungsmethoden von einer therapeutischen Aufbruchstimmung durchdrungen waren - eine eher untergeordnete Rolle zuweist.

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