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Rezension: Sachbuch : Superius sicut inferius

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Mystik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuz - das ist das betörend rätselumwobene Forschungsgebiet jenes Michael Landolf, den Martin Walser vom Tod eines Kritikers erzählen läßt und der zu Anfang nach Amsterdam reist, um die Sammlung des Joost Ritman zu besichtigen. Denn kein Privatmann habe so viele Specimina dieses Themas gesammelt wie dieser niederländische Geschäftsmann.

          Mystik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuz - das ist das betörend rätselumwobene Forschungsgebiet jenes Michael Landolf, den Martin Walser vom Tod eines Kritikers erzählen läßt und der zu Anfang nach Amsterdam reist, um die Sammlung des Joost Ritman zu besichtigen. Denn kein Privatmann habe so viele Specimina dieses Themas gesammelt wie dieser niederländische Geschäftsmann. Hier trifft der Roman die Wirklichkeit. Der veritable Joost R. Ritman geriet vor einigen Jahren in die Schlagzeilen, als seine rund 18000 Bände umfassende Bibliothek nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten bei Christie's versteigert werden sollte, am Ende aber doch weitgehend gerettet werden konnte. Die "Bibliotheca Philosophica Hermetica" ist zugleich ein Forschungsinstitut, und ein neuer Band aus dem Hause, entstanden aufgrund einer Wolfenbütteler Tagung, wirft nun ein Licht auf die Rosenkreuzer - von den Anfängen bis heute.

          Das Rosenkreuzertum begann literarisch. Kaum war die "Fama Fraternitatis, deß Löblichen Ordens des Rosenkreutzes", 1614 in Kassel erschienen, wurde der europäische Büchermarkt von einer Schriftenflut überschwemmt. Carlos Gilly, der überaus kenntnisreiche und kritisch arbeitende Bibliothekar Ritmans, zeichnet im ersten seiner vier Beiträge die Interpretationsgeschichte dieser und der beiden anderen, ebenfalls anonym erschienenen rosenkreuzerischen Grundschriften "Confessio Fraternitatis" (1615) und "Chymische Hochzeit" (1616) nach. In ihnen war von einer (in Wahrheit wohl nie existenten) Bruderschaft die Rede, die angeblich von einem 1484 gestorbenen Christian Rosencreutz gegründet worden war, dessen Grab man 1604 aufgefunden habe.

          Die literarische Fehde wurde so leidenschaftlich geführt wie einst in den Flugschriften der Reformationszeit. Denn es ging um eine radikale Umwertung von Werten der Religion, Wissenschaft und Politik. Renaissancetypische Elemente wie Neuplatonismus, Kabbala in christianisierter Form und Paracelsismus verbanden sich mit mystischen und sozialreformerischen Strömungen des Protestantismus. Unmittelbar im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges wehte ein revolutionärer Geist durch diese Traktate und beschäftigte Kirchen, Universitäten und Gerichte. Nach Gilly steht heute weitgehend fest, daß der Chiliast und Paracelsus-Anhänger Tobias Hess (1558 bis 1614) der Initiator und geistliche Mittelpunkt der Tübinger Gruppe war, aus der die Rosenkreuzermanifeste hervorgegangen sind. Ritman porträtiert Hess in einem Aufsatz.

          Gilly führt gute Argumente dafür an, daß die zwischen 1607 und 1609 entstandenen Rosenkreuzermanifeste allein von Johann Valentin Andreae redigiert worden seien. Deren politisch-utopische Ideen malte Andreae in seinem Werk "Christianopolis" aus, wie Wilhelm Schmidt-Biggemann zeigt. Gilly räumt mit der Legende auf, der Tübinger Freundeskreis habe noch vor der Publikation der Manifeste Campanellas "Sonnenstaat" gekannt. Der älter gewordene Andreae, für dessen Erforschung Martin Brecht wirbt, distanzierte sich vom Rosenkreuzertum, das rasch vom Okkultismus rezipiert wurde. Mehrere Beiträge des Bandes führen durch das Dickicht der europaweiten Wirkungsgeschichte, von den Flugblättern des Dreißigjährigen Krieges über Frankreich und England bis nach Schweden und in die Karpaten.

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