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Rezension: Sachbuch : Superius sicut inferius

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Wozu all die Gelehrsamkeit? Frances A. Yates hat einst die These vertreten, die Schlüsselfigur der Renaissance sei nicht der Staatsmann, nicht der Maler oder Philosoph, sondern der Magus, kundig in Astrologie und Alchimie. Der Heros dieser Bewegung sei Hermes Trismegistos mit seinem Schriftencorpus gewesen, das gleichsam eine urmenschliche Offenbarung enthalte. Als Casaubon 1614 zeigte, daß die hermetischen Texte lange nach Moses, Platon und Jesus entstanden sind, habe eine Marginalisierung der Hermetik begonnen, ohne daß diese jedoch verschwunden wäre. Im Rosenkreuzertum, das der intellektuellen Atmosphäre am englischen Hofe Friedrichs V. von der Pfalz in Heidelberg entstamme, ließ Yates diese Entwicklung kulminieren: Francis Bacons Reform der Wissenschaft sei nicht ohne die rosenkreuzerische Verbindung von Magie und Wissenschaft zu verstehen. Steht die Wissenschaft der Neuzeit anfangs im Zeichen des Rosenkreuzes?

Carlos Gilly entzieht dieser Vorstellung den Boden. Dame Frances habe das Märchen von der Verstrickung der Rosenkreuzer in die Politik Friedrichs nicht einmal selber erfunden, es sei in der Propaganda des sechzehnten Jahrhunderts aufgekommen, aber durch die Tatsachen klar widerlegt: Bei der Entstehung der rosenkreuzerischen Bewegung haben weder Friedrich noch der Heidelberger Hof irgendeine Rolle gespielt, im Gegenteil wurde von dort die Bewegung verurteilt. So bliebe zu fragen, was von der wissenschaftshistorischen Nobilitierung der Rosenkreuzer durch Yates noch zu retten ist.

Es fällt auf, daß jene Beiträge des Bandes, die von persönlicher Sympathie für rosenkreuzerisches Gedankengut geprägt sind, in Präzision und wissenschaftlichem Niveau abfallen, so die Aufsätze über zwei Rezipienten solcher Ideen im zwanzigsten Jahrhundert, Rudolf Steiner und Jan van Rijckenborgh, und auch Ritmans programmatisches Vorwort. Ritman geht es "um eine spirituelle Suche nach dem Mysterium der Beziehung zwischen Gott - Kosmos - Mensch". Sichtbare und unsichtbare Welt entsprechen einander, die äußere Welt von Raum und Zeit birgt in sich die spirituelle Welt, zu der es aufzusteigen gilt. Das Prinzip dieses ganzheitlichen Denkens und Glaubens, so Ritman, sei im Wort des Hermes Trismegistos "So oben, so unten" ausgesprochen: "Quod est superius, est sicut quod est inferius" und umgekehrt, heißt es in der "Tabula Smaragdina", dem Kurzkatechismus der Alchimisten, dessen Textgeschichte Julius Ruska einst bis ins frühe arabische Schrifttum zurückverfolgt hat und die auch in rosenkreuzerischen Texten und Bildern begegnet, etwa in Stolcius' "Viridarium chymicum".

Jeder mag seinen Glauben pflegen. Aber könnte es sein, daß sich in manche Formen der "Esoterik" ein Bedürfnis mischt, dem Schlichten oder gar Banalen die Aura des Tiefgründigen zu verleihen? Vielleicht taugt die smaragdene Devise deshalb sogar zum Romanmotto. Geht es doch in den oberen Kreisen manchmal nicht anders zu als in den unteren. "Ich hätte wirklich", läßt Walser seinen Erzähler früh im Roman sagen, "in Amsterdam bleiben sollen, Joost Ritmans Kabbala-Blätter anschauen." Kein schlechter Einfall.

ROLAND KANY

Bibliotheca Philosophica Hermetica (Hrsg.): "Rosenkreuz als europäisches Phänomen im 17. Jahrhundert". Pimander, Band 7. Pelikaan, Amsterdam, Frommann-Holzboog, Stuttgart 2002. 404 S., geb., 31,- [Euro].

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