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Rezension: Sachbuch : Sudelblätter - Gernhardt zeichnet Lichtenberg

  • Aktualisiert am

Literatur

          1 Min.

          Einem weisen Sprichwort zufolge kommen auf einen Dummen zwei Schlaumeier, die ihn ausnehmen. In einer seiner Illustrationen zu Georg Christoph Lichtenbergs Aphorismen aus den "Sudelbüchern" hat der Zeichner das Diktum variiert: Bei Robert Gernhardt kommt auf drei Deppen ein Schlitzohr, das mit faulem Obst zu handeln versteht. In den Zeichnungen, die im Magazin dieser Zeitung erschienen sind und jetzt zusammen mit unveröffentlichten Blättern in einer Buchausgabe vorliegen, handelt Gernhardt nach dem Prinzip, das Lichtenberg vorgab, als er fragte, wie die Zeichnungen von Hogarth zu beschreiben seien: "Was der Künstler da gezeichnet hat, müßte nun auch so gesagt werden, wie Er es vielleicht würde gesagt haben, wenn er die Feder so hätte führen können, wie er den Grabstichel geführt hat."

          Gernhardt geht den umgekehrten Weg und vermeidet so weitgehend die zeichnerische Tautologie, die im Bild wiederholt, was der Philosoph in Worte gefasst hat. Einmal in der Gegenrichtung unterwegs, dreht Gernhardt auch gleich noch Goethe gegen die Laufrichtung und kommt so zur eigentlichen Prämisse seiner zeichnerischen Auseinandersetzung mit dem Göttinger Gelehrten: "Wo Lichtenberg ein Problem aufwirft, liegt ein Witz verborgen." Gernhardt spürt diesen Witz nicht nur zuverlässig auf, sondern dramatisiert, wendet, streichelt, bürstet und klopft ihn, bis der Betrachter erkennt, was Lichtenberg womöglich auch hatte sagen wollen. Etwa, dass der Bocksfuss des Teufels in Wahrheit ein Würfelbecher ist. (Robert Gernhardt: "Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen. 99 Sudelblätter zu 99 Sudelsprüchen von Georg Christoph Lichtenberg". Haffmans Verlag, Zürich 1999. 215 S., Abb., geb., 68,- DM.)

          igl

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