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Philosophie ist Religionskritik, Religionswissenschaft ist Philosophiekritik: Klaus Heinrich holt die Götter ins Denken heim

          3 Min.

          Die Philosophie ist ein vielstimmiges, an Themen und Stoffen reiches Fach. Sie umfasst zahlreiche Disziplinen wie Logik und Ethik oder, um zwei spezifisch moderne Fachgebiete zu nennen, Ästhetik und Kulturphilosophie. Trotz solcher Vielfalt war die Identität des Faches niemals ernsthaft in Gefahr. Ihrer Idee nach sind philosophische Disziplinen keine säuberlich abgezirkelten Spezialgebiete, die auf ihre Gegenstände exklusiv beschränkt bleiben. Sie begreifen sich als integrale Bestandteile des Faches und erschließen das Ganze der philosophischen Gegenstandswelt aus dem besonderen Blickwinkel ihrer bevorzugten systematischen Perspektive.

          Man muss diese Zusammenhänge gegenwärtig haben, um den originellen, allerdings durch keinerlei Zugeständnisse an die propädeutischen Belange geebneten Zugang zu gewinnen, den Klaus Heinrich im Herbst 1972 für seine an der Freien Universität gehaltenen religionsphilosophischen Vorlesungen wählte. Der frei gesprochene Vortragstext, der jetzt, reich versehen mit Kommentaren und Erläuterungen, auf der Basis der Mitschriften erschienen ist, führt die Religionsphilosophie als ein kritisches Unternehmen ein, ja, man wird sagen dürfen, er führt sie unmittelbar praktisch vor. Heinrich erfasst das Ganze der philosophischen Gegenstandswelt aus der Warte einer Archäologie des philosophischen Selbstbewusstseins. Seine Ausgangsthese besagt, dass die Philosophie einst als Konkurrentin der alten Religionen angetreten sei, um dem "Fürchtet euch nicht", von dem noch der Weihnachtsengel kündet, das Angebot einer privaten Heilslehre entgegenzustellen. Indem sie sich derart den Bedürfnissen des Einzelnen anbequemte, habe die Philosophie die kollektiven Erfahrungen des Mythos beiseite geschoben, um sie schließlich, wie Heinrich freudianisch formuliert, vollends zu "verdrängen".

          Die Philosophie der Religion oder Religionswissenschaft, die Heinrich praktiziert, ist also zuerst und vor allem Kritik, und zwar Kritik der Philosophie. Als Leitfaden dient ein Theoriestück, das Heinrich als Inkunabel, als "Wiege" der Philosophie präsentiert. Es handelt sich um die von Herodot in den "Historien" überlieferte Geschichte von Solon und Kroisos. Solon, der Welterfahrene, belehrte demnach den wohlhabenden und einflussreichen Kroisos darüber, dass das Glück nicht an irdischen Gütern hänge, sondern einzig und allein angesichts des Todes gefunden und behauptet sein wolle. Solons Argument läuft auf eine tief greifende Verschiebung hinaus. Das wahre Glück wird abhängig gemacht vom Erreichen einer "philosophischen" Haltung im landläufigen Verständnis des Wortes, von der Fähigkeit also, über den Dingen zu stehen und ebenso über denen, die ihr Herz an das Nächstliegende hängen und nicht davon loskommen. Der philosophische Glücksucher kündigt das Bündnis mit den Verhältnissen seiner Umgebung auf, um stattdessen der "Komplize des Schicksals" zu werden.

          Der Auszug der Weltweisen aus der Götterwelt ist folgenschwer. Wo die philosophischen "Komplizen des Schicksals", angefangen von den Stoikern bis hin zur hegelianischen Synthese von Notwendigkeit und Freiheit, das Schicksal zu meistern lernen, indem sie es bejahen und geschichtsphilosophisch entdramatisieren, bleiben die göttlichen "Funktionäre des Schicksals" hilflos verstrickt. Dies aber kostet sie ihre Autorität. Der Philosoph triumphiert, indem er, ohne des Schicksals wahrhaft mächtig zu sein, Technologien findet, um mit ihm zurechtzukommen.

          Die von Heinrich nahe gelegte Konstellation ist deutlich: Philosophie ist Religionskritik, und zwar der Funktion wie dem Anspruch nach; umgekehrt ist Religionswissenschaft Philosophiekritik, führt doch der Umweg über den mythischen Grund der Religionen an jene Problemzonen heran, deren Erinnerung in der Erfolgsgeschichte der philosophischen Schicksalskomplizenschaft verloren ging. Gemessen am Überlieferungsbestand der Zeugnisse und Quellen mag ein solches Konzept ein wenig kurz greifen. Schließlich ist die Philosophie bei Sokrates und der Außenseiterrolle, die er seinen Bewunderern vorlebte, ebensowenig stehen geblieben wie bei der Stoa, als sie die Verbindung zwischen äußeren Umständen und privatem Glück durchtrennte. Und ist es ein Zufall, dass Aristoteles, der in das Szenario jener "Inkunabel" so gar nicht passen will, in diesen Vorlesungsmitschriften überhaupt fehlt?

          Heinrich wäre wohl der Erste, der den experimentellen und - um ein Erfolgswort der Siebziger aufzugreifen - "undogmatischen" Umgang mit den Stoffen zugestehen würde. Die theoriefremde Pose des Rechtbehaltenwollens liegt diesem Nachdenklichen fern. Unübertroffen ist Heinrich als philosophischer Redner, der mit klugen und jederzeit inspirierenden Deutungen zur Betrachtung der entlegensten Materialien einlädt, um sie unversehens zu aktualisieren. Das gilt auch für die inzwischen wieder entdeckte "Effizienz": Es genügen Heinrich ein paar wenige Striche, um seinem Auditorium die erschütternde Geistlosigkeit dieser Bürokratenparole vors innere Auge zu stellen.

          RALF KONERSMANN

          Klaus Heinrich: "vom bündnis denken". Religionsphilosophie. Dahlemer Vorlesungen, Bd. 4. Herausgegeben von Hans-Albrecht Kücken. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 2000. 288 S., geb., 68,- DM.

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