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Rezension: Sachbuch : Stolperstein Kreidefelsen

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Hagen Schulzes Europa-Geschichte verliert am Kanal den sicheren Boden unter den Füßen / Von Richard Evans

          4 Min.

          Die meisten Geschichten Europas seien von britischen und amerikanischen Autoren geschrieben, bemerkt Hagen Schulze zu Beginn seines Überblicks über die europäische Geschichte seit 1740. Und tatsächlich gibt es in Großbritannien seit langem einen Bedarf an solchen Büchern, nicht zuletzt deshalb, weil die Lehrpläne an Schulen und Universitäten das Fach Geschichte seit vielen Jahren mehr oder weniger gleichmäßig in "britische" und "europäische" Historie aufteilen. Dies deutet einerseits darauf hin, daß die Briten beide "Geschichten" immer noch für gesonderte Themenkomplexe halten. Andererseits sorgt diese Trennung dafür, daß Schülern und Studenten gute Grundkenntnisse in "westeuropäischer" Geschichte vermittelt werden.

          Gesamtdarstellungen wie die vierbändige "Geschichte Europas" des Siedler Verlags sind in Deutschland eher selten. Deshalb kann man das Unternehmen als solches nur begrüßen. Die Bände sind reich illustriert und großzügig ausgestattet. Doch aus dem Vorhaben, die gesamte europäische Geschichte in nur vier Bänden zu schildern, ergeben sich für die Verfasser einige Probleme. Vieles muß weggelassen werden, und dennoch muß sich das Ausgewählte als Gesamtdarstellung rechtfertigen lassen. So entsteht, wie Hagen Schulze schon im ersten Satz seiner Auseinandersetzung mit der Moderne einräumt, nicht die Geschichte Europas seit 1740, sondern "eine von vielen möglichen europäischen Geschichten".

          Wie alle Bücher Schulzes ist auch dieses sehr gut und lesbar geschrieben. Schulze versteht es, sein Material klar zu gliedern, und besitzt ein beneidenswertes Geschick, viel Information mit wenigen Wörtern zu vermitteln und komplizierte Situationen und Vorgänge auf die wesentlichen Punkte zu reduzieren. Der dunklen Seite der europäischen Geschichte gibt er volles Gewicht: der "Industrialisierung des Krieges", der kolonialen Ausbeutung und den Diktaturen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, dem extremen Nationalismus und dem Massenmord.

          Schulze sieht Europa als Komplex von kulturellen Werten, zu denen der Glaube an die Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten gehört. Deshalb schließt er Rußland und die meisten osteuropäischen Staaten aus seiner Darstellung aus. Selbst das Habsburgerreich findet keine große Beachtung, mit Ausnahme der Zeit vor 1914: Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs läßt sich schlechterdings nicht verstehen, wenn man nicht wenigstens einige der Probleme zur Kenntnis nimmt, mit denen es der Vielvölkerstaat zu tun hatte. Im wesentlichen ist Schulzes "Europa" eine Rückprojektion der Europäischen Union von heute in die Vergangenheit. Frankreich und Deutschland stehen im Zentrum seiner Erzählung, und wo es nötig ist, nimmt er Elemente aus der britischen, der italienischen und der spanischen Geschichte hinzu.

          So kann Schulze eine Geschichte von Aufstieg (1740 bis 1914), Untergang (1914 bis 1949) und Wiedergeburt (1949 bis heute) erzählen, was seiner Darstellung einen gewissen strukturellen Zusammenhalt gibt. Aber letzten Endes haftet seiner Definition Europas etwas Willkürliches und Unhistorisches an, denn lange Zeit standen die Menschenrechte und die bürgerlichen Freiheiten auch in den Ländern, die Schulze in den Mittelpunkt seiner Geschichte rückt, keineswegs hoch im Kurs. Nicht recht ins Bild fügt sich auch, daß er Polen immer wieder unverhältnismäßig viel Raum widmet, obwohl die Geschichte dieses Landes nicht gerade dem europäischen Paradigma entspricht, mit dem er arbeitet. Doch vor allem Rußland spielte von der Niederlage Napoleons bis zur Niederlage Hitlers eine enorm wichtige Rolle in der europäischen Geschichte, und da Schulze ausführlich auf diese Kriege eingeht, wirkt es sonderbar, daß er die innere Geschichte Rußlands in der zwischen ihnen liegenden Zeit so wenig beachtet. Letzten Endes ist der Begriff von Europa, der dieser europäischen Geschichte zugrunde liegt, so eng gefaßt, daß es eigentlich nicht mehr vertretbar und für den Leser auch nicht mehr nützlich ist.

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