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Rezension: Sachbuch : Stirb viermal, jetzt erst recht

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Die Kompanie "Marburg" der Büchner-Forschung zog ins Feld und kehrt mit vollen Schulranzen zurück / Von Thomas Wirtz

          7 Min.

          Am 21. Februar 1835 verläßt ein umfängliches Paket Darmstadt in Richtung Frankfurt. Absender ist der Medizinstudent Georg Büchner, wohnhaft zur Zeit Grafenstraße bei den Eltern. Adressiert ist es an den Verleger Johann David Sauerländer, dem mit abgeklärten Worten wie aus einem dicken Geschäftsfauteuil ein "dramatischer Versuch" zu einem "Stoff der neueren Geschichte" angeboten wird. Diesen gesetzten Zeilen ist das Manuskript und ein Brief an Karl Friedrich Gutzkow beigeschlossen, der in Sauerländers Verlag das Literaturblatt "Phönix" redigiert und für seine Heine-Förderung bekannt war. Diese Wahlverwandtschaft genügt, um Büchners Briefton ins poetische Bekenntnis zu überdrehen. Jung, genialisch und mit scheuer Unverschämtheit sägt hier jemand an Gutzkows Schädelnerven, als wolle er Material für seine Zürcher Vorlesung im nächsten Jahr gewinnen. Der Brief ist eine Berg-und-Tal-Fahrt der Metaphern, Anmaßung und Demutsgeste zugleich. Das Stück, dessen Titel - "Danton's Tod" - vor lauter Zungenflattern gar nicht erst genannt wird, sei "in höchstens fünf Wochen" entstanden, schreibt Büchner. Nun sei es da, nun müsse es gedruckt werden, für langes Bitten fehle ihm die Zeit. Diese Hast war durch die Wirklichkeit gedeckt. Wenige Tage später muß sich Büchner wegen einer gescheiterten Gefangenenbefreiung nach Straßburg absetzen und beschäftigt so neben dem Verleger auch die kurhessische Polizei. Das Leben ist kurz, die Haft wäre lang. Nicht jeder mag umständlich an Dramenstellen feilen, der Gitterstäbe vor sich sieht.

          Anders als der Agitator beherrscht der Philologe die Kunst der Zeitdehnung. Irgendwann kurz nach Einrichten der Marburger Georg-Büchner-Forschungsstelle muß sich eine Fermate aufgetan haben. Sie verschlang - von der zahlenden Öffentlichkeit unbemerkt - eine ganze Reihe Mitarbeiter und hat diese erst nach Jahrzehnten wieder ausgespuckt: Die Wissenschaftslandschaft war eine andere geworden. Fünf Wochen brauchte Büchner für die letzte Niederschrift seines Erstlings, mindestes dreizehn von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Jahre dagegen seine Edition. Doch es waren keine verlorenen, wie die vier kiloschweren Revolutionspsalter jetzt beweisen: Aus den 152 Seiten der ersten Buchausgabe sind fast 1600 geworden wie zum Beweis, daß man in der Versenkung verschwinden und in ihr arbeiten kann. Im Jahr 1835 konnte man für den Buchpreis sechs Kilo Brot kaufen, heute gäbe es für die 480 Mark die gleiche Menge Kalbsbries dazu. Deshalb ist Danton widerlegt, der in dem Glauben starb, das editorische "Nichts" sei der "zu gebärende Weltgott". Nein, die Büchner-Forschung ist ein Schlachtfeld, wo "jedes Komma ein Säbelhieb und jeder Punkt ein abgeschlagner Kopf ist". Vier Bände für ein Halleluja: Blut, Schweiß und Tränen haben die Leinenbände rot gefärbt.

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