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Rezension: Sachbuch : Staub- und lärmsichere Glückseligkeit: Gärten des Islam

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          Vor 3500 Jahren ließ sich ein hoher Beamter des ägyptischen Reiches das Bild seines Gartens in sein zukünftiges Grab in Theben malen. Das Dokument zeigt noch heute anschaulich, daß in der damaligen Gesellschaft am Flußufer des Nils der Garten zum Leben des Menschen gehörte. Die hellenistische Kultur übernahm diese wie auch andere orientalische Traditionen und trug schließlich die Idee des Gartens nach Europa. Dort wurde ihr die Vorstellung einer ästhetischen Beherrschung der Natur zum eigenen Genuß zugrunde gelegt. Während aber die europäische Ideengeschichte der Gartenkunst ganze Bibliotheken füllt, sind deren historische Wurzeln im Orient bislang kaum erforscht worden.

          Einer der besten Kenner islamischer Gartenkultur ist der italienische Architekt Attilio Petruccioli. Ihm gebührt das Verdienst, deren grundlegende Strukturen mit seinem Bildband "Il giardino islamico", der nun auch in deutscher Übersetzung ("Der islamische Garten") erhältlich ist, einem breiteren Publikum zugänglich gemacht zu haben.

          Die arabische Liebe zum intimen Grün entstammt der Antipathie gegen die lebensfeindliche Wüste - Wohnort der Geister, Sinnbild von Durst und Tod. Nur im von hohen Mauern vor Staub und Lärm geschützten Garten glaubten die Architekten der berühmtesten islamischen Gärten Repliken des koranischen Paradieses ("Garten der Glückseligkeit") schaffen zu können. Und nur dort konnten sie die allegorische Verherrlichung der Macht der Sultane, Kalifen, Emire und Scheichs perfektionieren. Die Sehnsucht islamischer Herrscher nach dem perfekten Garten war so groß, daß selbst die Gründer der heutigen saudischen Hauptstadt Riad den arabischen Namen für Garten ("Riad") zum Hauptstadtnamen auserkoren. Der Garten, ursprünglich nur Erweiterung der Oase, des um einen kleinen Wasserspiegel in der Wüste natürlich entstandenen Palmenhains, wurde in der islamischen Geschichte immer mehr zu einem Symbol für Macht und Herrlichkeit.

          Den islamischen Garten schlechthin gibt es aber ebensowenig, wie es den europäischen gibt, weil ihm drei Kulturen und folglich drei unterschiedliche Auffassungen von Natur, Landschaft und Raum zugrunde liegen: die persische, die arabische und die türkische. Petruccioli zeigt auf, wie sich diese drei Kulturen gegenseitig beeinflußt und Gemeinsamkeiten herausgebildet haben, die es erlauben, von einer islamischen Gartenkultur zu sprechen. Von Kapiteln wie "Der islamische Garten als Metapher des Paradieses" über "Leben in der Wüste: Der Garten als Oase" bis zu "Der osmanische Garten im Spiegel der Landschaft des Bosporus" reichen die anschaulich bebilderten Kapitel. Damit ist Petrucciolis Werk eine hervorragende Ergänzung anderer im selben Verlag erschienener Bildbände zum Thema Garten, so eines "Historischen Gartenatlas", der vor allem die europäische Ideengeschichte des Gartenbaus behandelt, und des Bandes "Die Entdeckung der Landschaft".Unser Bild zeigt das Menara-Becken im Agdal von Marrakesch. UDO ULFKOTTE

          Attilio Petruccioli: "Der islamische Garten". Architektur, Natur, Landschaft. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1995. 275 S., 373 Abb., geb., 180,- DM.

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