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Rezension: Sachbuch : Staates Schwester

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Ernest Gellners geschlossene Zivilgesellschaft / Von Jan Roß

          Die Zivilgesellschaft ist fast schon wieder vergessen. Ihre große Stunde war die europäische Revolution von 1989; Timothy Garton Ash hat ihr in seinen Reportagen und Essays, die auf deutsch unter dem Titel "Ein Jahrhundert wird abgewählt" erschienen sind, ein Denkmal gesetzt. Die Zivilgesellschaft war die Summe aller regimefernen Gemeinschaftsbildungen - der inoffiziellen Gewerkschaften und der Untergrunduniversitäten, der Menschenrechtsgruppen, Diskussionszirkel, Kirchengemeinden. Als Inbegriff des Unkontrollierbaren wurde sie zum natürlichen Todfeind eines Staates, der keine Götter neben sich dulden wollte. Durch ihre bloße Existenz hatte sie seinen Totalitätsanspruch schon widerlegt, bevor er dann wirklich zusammenbrach.

          Der kürzlich verstorbene Sozialanthropologe Ernest Gellner (siehe F.A.Z. vom 8. November) hat die "civil society" in seinem Buch "Bedingungen der Freiheit" aus der Distanz einer vergleichenden Gesellschaftstypologie betrachtet. Die Trennung von Staat und Zivilgesellschaft, die Verwerfung ideologischer Monopole und die Unabhängigkeit der Wirtschaft von der politischen Macht - diese Konstellation definiert den neuzeitlichen Westen, der sich damit nicht nur vom Kommunismus unterscheidet. Eine erfolgversprechendere Alternative zur Zivilgesellschaft bietet der Islam. Ihm hat nach Gellner die Modernisierung wenig anhaben können: Seine volksreligiöse Spielart sei zwar durch die Landflucht weitgehend zusammengebrochen; die verstädterten Massen hätten sich aber um so bereitwilliger dem strengen, schriftgläubigen Islam unterworfen, der die Bevölkerung durch Homogenisierung und Integration für den technologischen und ökonomischen Fortschritt erst richtig in Form bringe - wie es im Europa des neunzehnten Jahrhunderts der Nationalismus getan habe.

          Dieser neuartige Siegeszug des schriftgelehrten Islams ist es, den wir als "Fundamentalismus" kennen - und der nach Gellner also nicht, wie es sonst oft heißt, eine ängstliche oder trotzige Reaktion auf die Modernisierung als vielmehr selbst ein Moment der Modernisierung darstellt. Das ist interessant; Gellner schreibt es hier freilich nicht zum ersten Mal. Überhaupt ist das Buch reich an Wiederholungen - aus älteren Büchern des Autors, bisweilen aber auch aus vorangegangenen Passagen; und die deutsche Textgestalt zeigt ungewöhnlich auffällige Spuren von Hast oder Schlamperei. Trotzdem ist auch ein schwächeres Buch von Ernest Gellner noch immer reich an Einsichten und Beobachtungen, die man anderswo vergeblich sucht.

          Gellners Fundamentalismus-Theorie macht begreiflich, warum muslimische Länder sich modernisieren können, ohne daß das geistige Monopol der Religion gebrochen wird. Die westliche Moderne, die Gellner ganz aus dem Blickwinkel Max Webers betrachtet, hat zwar ebenfalls einen religiösen Ursprung: den calvinistischen Protestantismus, der dem Prädestinationsglauben huldigte, so daß seine Anhänger sich durch wirtschaftlichen Erfolg ihre Bestimmung zum ewigen Heil beweisen wollten. Aber trotz mancher Versuche mit puritanischen Gottesstaaten hat sich der Protestantismus religiös nicht wirklich durchsetzen können; er blieb in Europa in einer konfessionellen Pattsituation stecken und hat nur ökonomisch, als Kapitalismus, Epoche gemacht. So sind aus diesem halben Sieg die beiden Elemente der Zivilgesellschaft hervorgegangen: Ideenpluralismus und Marktwirtschaft.

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