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Rezension: Sachbuch : Spring, Gedanke, spring!

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Wenn der Künstler Kunst schafft, ist daran ohne Zweifel sein Gehirn beteiligt. Da liegt die Frage nahe, ob die derzeit mit Siebenmeilenstiefeln vorwärtseilende Hirnforschung etwas zu dem großen Geheimnis künstlerischer Kreativität zu sagen hat. Sie hat, meint Detlef B. Linke und versucht, Neurowissenschaft und Kunst unter einen Hut zu bringen.

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          Wenn der Künstler Kunst schafft, ist daran ohne Zweifel sein Gehirn beteiligt. Da liegt die Frage nahe, ob die derzeit mit Siebenmeilenstiefeln vorwärtseilende Hirnforschung etwas zu dem großen Geheimnis künstlerischer Kreativität zu sagen hat. Sie hat, meint Detlef B. Linke und versucht, Neurowissenschaft und Kunst unter einen Hut zu bringen. Für gewisse kreative Prozesse, so Linke, kann man sich kaum vorstellen, daß sie ohne eine "Abweichung" des Gehirns von seiner durchschnittlichen Konstitution zustande gebracht werden können. Dieser Gedanke mag schockieren, doch er ist nicht mehr und nicht weniger als die Konsequenz eines ernst genommenen Naturalismus: Was auch immer der Mensch veranstaltet, es geht auf Prozesse in seinem Gehirn zurück.

          Haben also die spiralförmigen Bewegungen der Zypressen van Goghs mit einem "epileptischen Attraktor im Temporallappen" zu tun? Sah Flaubert seine Szenen in Anfällen "okzipitaler Epilepsie"? Fand Trakl die Bilder, die er beschrieb, in seiner Fähigkeit zur Synästhesie? Steht der Punkt auf der Stirn Buddhas in Wirklichkeit für eine nasale Encephalocele, eine Vorstülpung des Stirnhirns, die in Südostasien nicht selten ist? Eine solche geht mit Störungen des limbischen Systems einher, was "die besonders kreativen Leistungen des Erleuchteten im Hinblick auf Vegetativum, Emotion und Lebensführung in der Neuintegration in eine für den Menschen bisher nicht da gewesene Lebensform plausibel machen" würde.

          Kreativität, schreibt Linke einmal, ist das Finden einer höheren und das Auflösen bestehender Ordnungen. Und dabei kann eine ungewöhnliche Funktionsverteilung im Scheitellappen des Gehirns von Nutzen sein. Genialität bestimmt der Autor als Ausdruck eines besonders leistungsfähigen Stirnhirns, denn dieses ist in der Lage, beim Schaffen und Lösen von Ordnungen Orientierung zu bieten. Um den Möglichkeiten des individuellen Hemisphärenzusammenspiels auf die Spur zu kommen, hält sich Linke an die Werke links- oder beidhändiger Maler. Teilt ein Künstler, der linkshändig in Spiegelschrift schreibt, insbesondere seiner linken Hirnhälfte etwas mit? Deutet das in Spiegelschrift auf ein Bild geschriebene Wort "Freude" vielleicht an, daß man Freude besser mit der rechten Hirnhälfte empfindet? Fragen über Fragen.

          Eins muß man dem Neurologen Linke lassen: Er neigt nicht zur Verherrlichung der Fähigkeiten der Neurologie. Er deutet mehr an, als daß er folgert. Dabei scheint aber allzuoft die Assoziation an die Stelle des roten Fadens zu treten. Linke springt, wie der Klappentext ankündigt, über alle Gräben zwischen den verschiedenen Kulturen. Würde er doch in einem einzigen dieser Gräben etwas länger hockenbleiben! Würde er einen einzigen Gedanken doch einmal zu Ende denken! Würde er beim Springen dem Leser doch wenigstens eine gangbare Brücke zum Nachfolgen bauen! Statt dessen kommt er innerhalb einer einzigen Buchseite von der alten Holzbrücke von Arles, die van Gogh einst malte, über Unschärferelation und Rattenneuronen zu dem Ergebnis, gesucht sei eine "fröhliche Lebensgrundlage auch für hirntheoretische Modelle". Das ist nicht genial, das ist nicht kreativ, das ist verquast.

          Linke schließt mit einem "Manifest zu Kunst und Gehirn", das von der Aussage "Unser Bewußtsein ist von der Erfahrung von Licht, Helligkeit, Schattierung und Dunkel gekennzeichnet" über 71 Zwischenstufen bis zu dem Diktum "Bilderverbot heißt nicht Hoffnung verlieren" reicht. Der Leser bleibt mit einigen Denkanstößen, insgesamt aber eher ratlos zurück.

          MANUELA LENZEN

          Detlef B. Linke: "Kunst und Gehirn". Die Eroberung des Unsichtbaren. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2001. 251 Seiten, Abb., br., 25,90 DM.

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