https://www.faz.net/-gqz-6qe4h

Rezension: Sachbuch : Sprachinsulaner

  • Aktualisiert am

Literatur

          "Die Welt ist in unserem Kopf, sie wird nicht untergehen", schreibt der Donauschwabe und Vorsitzende des Südostdeutschen Kulturwerks, Franz Hutterer. Es soll vermutlich ein Trost sein für die Schriftsteller, die wie er von den Ufern der Donau, des Pruth, aus der Bukowina, dem Banat oder aus Siebenbürgen vertrieben wurden. In den einundzwanzig Gesprächen, die Stefan Sienerth mit ihnen geführt hat, ist viel vom Verlust der Heimat die Rede, die für die meisten der wichtigste Resonanzboden für ihre Werke war. Nur wenigen gelang wie in jüngster Zeit Herta Müller, Oskar Pastior, Werner Söllner oder Richard Wagner der Durchbruch in eine größere literarische Öffentlichkeit.

          Gegen das Odium Heimatliteratur hatten viele von ihnen zu kämpfen. Auf Sprachinseln im Schatten zweier Diktaturen waren sie stets in Gefahr, Opfer der politischen Verhältnisse zu werden. Andererseits lebten sie aber auch in einer multikulturellen Welt, die sie zum Vermittler zwischen den Kulturen befähigte. Übersetzen wurde für einige von ihnen zum Beruf.

          Stefan Sienerth hat diese gut vorbereiteten Gespräche nach 1991 geführt und bis 1997 in den "Südostdeutschen Vierteljahresblättern" veröffentlicht. Er fixierte seine Fragen schriftlich und erhielt ebenso schriftlich Antworten. Herausgekommen ist ein schicksalsschweres Buch.

          Sienerths ältester Gesprächsteilnehmer ist Moses Rosenkranz, Jahrgang 1904. In seinem Elternhaus wurde Ruthenisch, Jiddisch und Polnisch gesprochen, Deutsch lernte er erst später; Rumänisch kam dazu. Er gilt als einer der interessantesten Lyriker der Bukowina, doch seine Gedichte und Prosa wurden zum größten Teil nicht veröffentlicht, weil sie zur jeweils gewünschten politischen Richtung nicht paßten.

          Ähnlich ausgeliefert den wechselnden politischen Verhältnissen waren viele der älteren Schriftsteller. Johannes Weidenheim, 1918 geboren, kämpfte in der SS-Division "Prinz Eugen" gegen Partisanen in Bosnien, obwohl er sich immer als antinationalistisch verstanden hat. Nach dem Krieg gab er in seinen Romanen eine Mitschuld der Donauschwaben zu, "gewissermaßen die Vorausschuld an ihrer Vernichtung", was ihm ein Teil seiner Landsleute nicht verziehen hat. Herta Müller, die jüngste Gesprächspartnerin in diesem schicksalsschweren Buch, sagt es noch deutlicher: "Wir, die wir aus dem Banat oder aus Siebenbürgen kommen, haben eine Geschichte, die Hitler beim Begraben der Bukowina behilflich war." MARIA FRISÉ

          Stefan Sienerth: "Daß ich in diesen Raum hineingeboren wurde". Gespräche mit deutschen Schriftstellern aus Südosteuropa. Verlag Südostdeutsches Kulturwerk, München 1997. 347 S., br., 42,- DM.

          Weitere Themen

          Schlupfloch ins richtige Leben

          Hindsgavl Festival Dänemark : Schlupfloch ins richtige Leben

          Beim Hindsgavl Festival in Dänemark trifft sich inzwischen die Elite der europäischen Kammermusik. Der Gast taucht ein in eine unverwechselbare Synthese aus Musik, Natur und ökologischer Gastronomie.

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.