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Rezension: Sachbuch : Sport als Beweis einer Ebenbürtigkeit

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Jüdische Olympiasieger - auch ein Lebensdokument

          Man kann dieses Buch kaum ohne Beklemmung lesen, kaum ohne Staunen. Staunen auch darüber, wie viele verschiedene Bücher in diesem nicht einmal 200 Seiten starken Bändchen stecken. Vor allem ist es, obwohl als wissenschaftliche Abhandlung angelegt, durch seine persönliche Art die Lebensgeschichte des Paul Yogi Mayer. 1912 in Bad Kreuznach geboren, von der NS-Bürokratie an der Fortsetzung seines Wirtschaftsstudiums in Berlin gehindert, wurde er Sportlehrer in einem Landschulheim, Leistungssportler, Journalist. Er konnte 1939 nach England fliehen, wo er nach dem Krieg Trainer britischer Maccabiade-Teams wurde und ein Zentrum für Waisenkinder leitete, die in deutschen Konzentrationslagern überlebt hatten. Nicht ohne Rührung, aber ohne Rührseligkeit kann Mayer schildern, wie einer seiner Schützlinge, Ben Helfgott, der Buchenwald überlebt hatte, in den 50er Jahren britischer Olympiastarter und Dritter der Commonwealth Games im Gewichtheben wurde. Diese Geschichte hätte Mayer bei strenger Auslegung seines Buchtitels "Jüdische Olympiasieger" nicht erwähnen dürfen, aber er tut das natürlich, ebenso wie die tragische Geschichte der Berliner Weltrekordlerin und besten deutschen Leichtathletin zwischen den Weltkriegen, die nie bei Olympia starten durfte: Lilli Henoch, deportiert nach Riga und dort ermordet 1942.

          Der Holocaust ist immer gegenwärtig in diesem Buch, das 403 von jüdischen Sportlern gewonnene Olympiamedaillen aufführt. Schon die ersten jüdischen Olympiasieger, die später im KZ Theresienstadt verhungerten Vettern Alfred und Gustav Flatow, machen den Völkermord von Beginn an in diesem Buch gegenwärtig. Eine zentrale Rolle nehmen in der Darstellung die Spiele von Berlin 1936 ein, die dubiose Rolle der "Vorzeige-Jüdin" Helene Mayer, die Diskriminierung der Hochsprung-Weltrekordlerin Gretel Bergmann, die als Jüdin nicht starten durfte und die der Autor als Teilnehmer an den für Juden reservierten Olympiakursen des Fachamtes Leichtathletik persönlich kennenlernte.

          Etwas befremdlich wirkt Mayers eher "sportliche" Sichtweise, seine Betrachtung darauf, daß Juden durch die Diskriminierungen nicht ihre wahre olympische Leistungsfähigkeit hätten entfalten können. Er sieht seine Arbeit als Versuch einer "Beweisführung unserer Ebenbürtigkeit" und hat "die Erfolge von jüdischen Medaillengewinnern benutzt, um zu beweisen, daß wir denen gleichwertig sind, in deren Mitte wir als eine Minorität leben". Aber können und sollen sie das überhaupt sein, die Siege der ungarisch-jüdischen Fechter und Wasserballer, die Turnerfolge von Maria Gorokoska und Agnes Keleti, die Goldmedaillen von Irena Szewinska, geborene Kirszenstein, und Mark Spitz, die Olympiasiege der amerikanischen Schwimmer Dara Torres und Lenny Krayzelburg in Sydney? Kann man Rassismus widerlegen, indem man sich dessen Kriterien unterwirft? Indem man eine "Minderwertigkeit" zu widerlegen versucht?

          Doch man muß dem 88jährigen Mayer, der sich einen "überzeugten Diasporajuden" nennt, das Recht einräumen, die Erfolge so zu betrachten, nämlich als "Beweis für den Beitrag, den wir Juden in der Diaspora - der zweiten Existenz des Judentums - geleistet haben". Allerdings haben sich diese olympischen Erfolge seit den ersten Spielen 1896, als neun von 41 Olympiasiegern Juden waren, vor allem seit Seoul 1988, als es erstmals keinen jüdischen Goldmedaillengewinner gab, deutlich reduziert, ohne daß Mayer "dafür eine befriedigende Erklärung" hätte.

          Er hat in seiner Wahlheimat London den "Member of the British Empire" erhalten und 1998 in Potsdam die Ehrendoktorwürde, für die er sich nun mit seiner Art "Doktorarbeit", wie sie vor 60 Jahren von den Nazis verhindert wurde, zu bedanken versucht. Doch diese Arbeit ist keine trockene Dissertation, obwohl sie mit ihrer statistischen Akribie und ihrem Reichtum an Zeitzeugnissen auch wissenschaftlich als Bereicherung gesehen werden muß. Sie ist viel mehr: ein Beleg für die Lebens-, die Überlebensspuren jüdischer Existenz.

          CHRISTIAN EICHLER

          Besprochenes Buch: Paul Yogi Mayer: "Jüdische Olympiasieger. Sport - ein Sprungbrett für Minoritäten". Agon-Verlag, Kassel. 192 Seiten, 9,80 Mark.

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