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Rezension: Sachbuch : Speaker's Corner ohne Sprecher

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Archivrecherche: Richard Dove untersucht Exilanten in England

          Beklemmend sind die Tragödien des Exils. Eine der paradoxesten widerfuhr dem König der deutschen Theaterkritik, Alfred Kerr, der 1933 mit seiner Familie Berlin verlassen mußte und in London Asyl fand. Er war zum König ohne Land geworden, abgeschnitten von seinem Wirkungsfeld, dem Theater - mit seiner unvollkommenen Beherrschung der englischen Sprache in London, ein Mann ohne Zunge, ohne Echo und nicht zuletzt ohne Einkommen: Die Honorare für gelegentliche Veröffentlichungen und für Rundfunktexte bei der BBC reichten kaum zum Überleben.

          Bitter-ironisch sind die Verse von 1937: "Manchmal fühlt das Herz sich sehr erheitert / (trotz der zugeschlagnen deutschen Tür): / Weil die Flucht den Horizont erweitert, / Ja, du dankst den Jägern fast dafür." Lange kämpfte Kerr um den britischen Paß, aber der befreite ihn nicht von der schmerzvollen Erinnerung. Nach dem Krieg, während seiner zweiten Reise nach Deutschland im Jahre 1948, huldigte im Hamburger Theater das Publikum dem König von einst. Noch am selben Abend aber traf ihn der Schlag und lähmte ihn auf der rechten Seite. Im englischen Militärhospital in Hamburg beendete der Einundachtzigjährige sein Leben aus eigenem Entschluß mit einer Überdosis an Schlaftabletten. Begraben wurde er auf dem Friedhof in Ohlsdorf. Eine Rückkehr aus dem Exil voll tragischer Ironie.

          "Journey of No Return" heißt, nach einem Wort aus Carl Zuckmayers Autobiographie, das Buch, in dem der Londoner Germanist Richard Dove fünf Vertreter des Londoner Exils vorstellt. Diese fünf deutschsprachigen Schriftsteller sind, neben Alfred Kerr, Max Herrmann-Neiße, Karl Otten, Robert Neumann und Stefan Zweig. Vorausgegangen war diesem Buch Doves Biographie Ernst Tollers ("He was a German", 1990). Man bedauert die Beschränkung auf fünf Autoren, vermißt in dieser Reihe neben anderen Elias Canetti, den späteren Nobelpreisträger, der jahrelang in London lebte. Aber ein eigenes Kapitel behandelt die Gruppen exilierter deutscher und österreichischer Schriftsteller und vermittelt so einen Überblick.

          Dreifache Ungunst erwartete die Exilierten in Großbritannien. Sie konnten nicht mit breiterem literarischen Verständnis rechnen. Aus einem Lande kommend, in dem die Verhältnisse den Autor der politisch orientierten Literatur geradezu in die Arme trieben, trafen sie in England auf eine Literatur, der um die Mitte der dreißiger Jahre, so Dove, der politische Kompaß verlorenging.

          Die zweite Ungunst hängt mit der ersten zusammen. Sie läßt sich unter den Begriffen "britischer Isolationismus" und "appeasement" fassen. Neville Chamberlains Politik vermied jegliche entschiedene Frontstellung gegen Nazideutschland, ihr waren die deutschen Exilschriftsteller eher unbequem. Die dritte Fatalität brach mit dem Beginn des Krieges Anfang September 1939 über die Asylanten herein. Man erklärte sie zu "Enemy Aliens", schlug also die vom Feind Verfolgten nun ebenfalls den Feinden zu.

          Nach drei Kategorien wurden die Enemy Aliens geschieden: A Internierung, B Restriktionen, C keinerlei Freiheitsbeschränkungen. Die deutsche Westoffensive im Mai 1940 löste Verschärfungen aus, auch Angehörige der Gruppe B wurden nun ins Internierungslager eingeliefert. Robert Neumann hat über seine Lagerzeit Tagebuch geführt. Jegliche Inhaftierung ist schmerzlich, doch waren die englischen Internierungslager keine "Konzentrationslager", wie mancher Emigrant in seiner Verbitterung meinte. Bezeichnend der Fall Max Herrmann-Neiße: Als er abgeholt werden sollte und die beiden Polizisten ihn krank antrafen, riefen sie einen Arzt - der Erschrockene wurde und blieb von der Internierung freigestellt.

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