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Rezension: Sachbuch : Sozialarbeiter und Sektenbeauftragte

  • Aktualisiert am

Hansers Sozialgeschichte der Literatur / Von Lorenz Jäger

          Dieses Buch ist ein Kompromiß. Eigentlich, so spürt man, ist vieles von dem, was die Schriftsteller in den zwanziger Jahren äußerten, der Vernunft nicht assimilierbar, und sie müßte es wie der platonische Staat aus ihrem Bereich ausschließen. Andererseits aber gilt, wie Bernhard Weyergraf in der Einleitung nachdrücklich festhält: "Die Garantie der Kunstfreiheit ist von demokratischen Grundsätzen nicht zu trennen." Zwischen beiden Forderungen vermittelt die Literaturgeschichte.

          In längeren Porträtstudien finden sich Thomas Mann, Gottfried Benn, Ernst Jünger und Rudolf Borchardt auf der konservativen, Johannes R. Becher, Franz Jung und Erich Mühsam auf der linken Seite. Rilke, George und wiederum Benn vertraten die Lyrik; Leopold Jessner, Max Reinhardt und Erwin Piscator das Theater; Kurt Tucholsky die Kritik. Mit einer Folge von Romaninterpretationen - behandelt werden der "Steppenwolf", die "Schlafwandler", "Berlin Alexanderplatz" und das "Schloß" - endet das Buch. Unter den Gattungen vermißt man die epochentypische kleine Prosa: die Aphoristik und das "Denkbild", unter den Schriftstellerporträts eines von Bertolt Brecht.

          In einem wesentlichen Punkt unterscheidet sich diese Literaturgeschichte nicht von den älteren, in denen seit dem neunzehnten Jahrhundert der Bildungsstoff organisiert wurde: Hier wie dort ist es der Maßstab des Gemeinwesens, der an die literarische Entwicklung angelegt wird. Wenn damals die Dichter auf ihr Bekenntnis zu Gott und Vaterland geprüft wurden, so geht es heute um Demokratie und Moderne. Weimar als "Symbol des demokratischen Aufbruchs" (Weyergraf) erscheint im Spiegel der Protestkultur der alten Bundesrepublik. Formen der Gesellschaftskritik, des Aktivismus, der Parodie, der Satire, des Kabaretts - das sind die Rituale, für die rückwirkend die Teilnahme eingefordert wird. Wer sie nicht vorweisen kann, muß damit rechnen, als "Demokratieverweigerer" oder "antimoderner Verweigerer" auffällig zu werden.

          Die Literaturgeschichte, so verstanden, erinnert an ein Frühwarn- und Überwachungssystem, mit dem die Vergangenheit nach etwa fortwirkenden Störquellen der Kommunikation abgesucht wird. Es verwundert angesichts der gegenwärtigen Diskussion nicht, daß die Autoren vor allem die "Konservative Revolution" ins Visier nehmen und sich energisch gegen restaurative oder, wie Peter Sloterdijk, die feinste Zunge unter den Beiträgern, es formuliert, "semirestaurative" Tendenzen aussprechen. Literarische Maßstäbe treten dagegen in den Hintergrund: Das Stück "Flieg, roter Adler von Tirol" ist den Autoren wichtiger als Hofmannsthals "Turm", für den zweieinhalb Zeilen genügen müssen, und einem Schlagertext ("Noch rauscht der Wienerwald auf sanften Hügeln . . .") wird mehr Raum vergönnt als Rilke und George zusammen.

          Lieber als die Werke untersucht diese Literaturgeschichte die Meinungen der Schriftsteller; Dichtungen haben vor allem dann eine Chance wahrgenommen zu werden, wenn sie als Stichwortgeber fungieren können. So erklärt sich etwa die ausführliche Behandlung von Ivan Golls Stück "Methusalem", das den Expressionismus verabschiedet. Gegenüber Dichtern wie Ludwig Strauß und Gertrud Kolmar werden Funktionäre wie Alfred Kurella oder Programmatiker wie Kurt Hiller aufgewertet. Zentrale Ereignisse der deutschen Sprache, etwa die Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig, sind ausgespart. Dabei stört nicht so sehr die Linkslastigkeit des Buches - literarisch sind die Kommunisten offenbar die stärkste Partei geblieben - als vielmehr die Bevorzugung des Thesenhaften.

          Überall da, wo die Sprache sich eigengesetzlich formt und sich von der Kommunikation abzuwenden scheint, schlägt ihr das Mißtrauen der Literaturgeschichte entgegen. "Tendenzieller Mystizismus" lautet der Einwand, den Hermann Korte gegen die Lautdichtungen Hugo Balls erhebt. "Sprachmagie" und "Lautmystik" werden ebenso abgewehrt wie Rudolf Borchardts Versuch, in der Übertragung der "Divina Commedia" "eine Sprache zu finden, die es nicht gibt". Wenn Rudolf Leonhard vom Wort als "heiligstem Geheimnis" handelt, wird ihm die Parole "Kampf der Metapher!" entgegengehalten.

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