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Rezension: Sachbuch : Soviel Wassermolch war nie

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Dreiundzwanzig Atlanten hat der Deutsche Taschenbuch Verlag bisher herausgebracht - kartographisch angelegte Sachbücher zur Musik, Astronomie, Physik und so fort. Seit einigen Wochen liegt ein weiterer Band vor: der dtv-Atlas "Englische Sprache". Nach dem bewährten Konzept dieser Reihe werden Karten ...

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          Dreiundzwanzig Atlanten hat der Deutsche Taschenbuch Verlag bisher herausgebracht - kartographisch angelegte Sachbücher zur Musik, Astronomie, Physik und so fort. Seit einigen Wochen liegt ein weiterer Band vor: der dtv-Atlas "Englische Sprache". Nach dem bewährten Konzept dieser Reihe werden Karten und Graphiken mit einem erklärenden und weiterführenden Text kombiniert; so wird die Gefahr einer Atomisierung der Wissensvermittlung vermieden. Andererseits bietet solch ein Konzept dem Leser die Möglichkeit zur Stippvisite bei den Themen, über die er sich jenseits der vorgegebenen Kapitelfolge zuerst informieren möchte.

          Das zur Verfügung stehende umfangreiche Material ist von den Autoren dieses Bandes in eine vernünftige Anordnung gebracht worden: Man beginnt allgemein mit einem linguistischen Grundkurs, in dem Basiswissen über die einzelnen Teilgebiete der Sprachwissenschaft (Phonetik, Morphologie und so weiter) vermittelt wird, fährt mit der historischen Entwicklung des Englischen von den Anfängen bis heute fort und endet speziell mit der Weltsprache Englisch.

          Doch zwischen diesen Kapiteln liegt das Filetstück, das auch dem Laien besonders zusagen dürfte: die ausführliche Darstellung der verschiedenen Varietäten des Englischen. Ein solcher Schwerpunkt ist um so mehr zu begrüßen, als er die weit verbreitete Annahme, es gebe "die" englische Sprache, Lügen straft. Da kann sich der wißbegierige Leser nicht nur über Naheliegendes - die englische Sprache in Wales, Irland oder Schottland - informieren, sondern auch über Exotisches: Kreolsprachen in der Karibik, das inzwischen ausgestorbene Manx der Isle of Man oder das Tok Pisin in Papua-Neuguinea.

          An linguistischer Globalisierung fehlt es diesem Atlas also nicht - auch nicht an Aktualität der Themen und Methoden. Englisch als Wissenschaftssprache und die leidigen Anglizismen sind von den Autoren in ihre Darstellung einbezogen worden. Und neue Forschungsansätze wie etwa die linguistische Auswertung genetischer Befunde wurden berücksichtigt. Weitere Vorzüge: Die Karten und Graphiken sind hervorragend gezeichnet; die Zahl der Versehen und Druckfehler ist sehr gering; das Literaturverzeichnis enthält die wichtigsten Titel, wenngleich man dort einige Standardwerke vermißt (etwa "Das heutige Englisch" von Leisi und Mair; oder "English Dialects" von Wakelin).

          Auch über den Sprachstil kann man nicht klagen. Er ist weitgehend frei von dem sonst üblichen Fachjargon, und nur gelegentlich rutschen die Verfasser sprachlich aus: "Formalheitsgrad" ist da zu lesen - und "eine vor sich gegangene Neuerung" oder "aus Analysezwecken".

          Ist also an diesem höchst informativen Band Gravierendes überhaupt zu kritisieren? Leider ja. Die Auswahl des dargestellten Materials erscheint nicht immer überzeugend. Genauer: Entbehrliches stiehlt Wichtigem den Platz. Dadurch geraten die Proportionen dieses - unter der Last der Materialfülle ächzenden - Atlas in einigen Teilen aus den Fugen.

          So sind den Vereinigten Staaten sechzehn Seiten gewidmet, Schottland jedoch nicht weniger als zweiundzwanzig. Ob etwa die Bezeichnungen für den Wassermolch in den schottisch-englischen Dialekten wirklich darstellenswert sind, ist zu bezweifeln: Dies interessiert lediglich den areallinguistisch arbeitenden Experten. Auch die regionale Verbreitung der Handschriften des mittelalterlichen "Speculum Christiani" muß einer größeren Leserschaft nicht unbedingt mitgeteilt werden.

          Andererseits vermißt man die Darstellung von Sachverhalten, die für eine Beschreibung des Englischen unverzichtbar sind. Dazu gehören beispielsweise die Anfänge des heutigen Standard English im mittelalterlichen London, die maßgeblich von Einwanderern aus East Anglia beeinflußt worden sind: Der ursprüngliche, eher südöstliche Londoner Dialekt wurde zu einem guten Teil von dem mittelländischen der Zuzügler überlagert.

          Vor allem aber wäre eine Dokumentation der phonologischen und grammatischen Besonderheiten des überaus wichtigen Estuary English wünschenswert gewesen: Diese junge Varietät der englischen Sprache ist im Begriff, den heute verwendeten Standard abzulösen. Für solch ein Angebot hätte man eine weniger detaillierte Berichterstattung über Ausspracheeigentümlichkeiten des west- und ostafrikanischen Englisch - oder eben über den schottischen Wassermolch - billigend in Kauf genommen. Doch dieser Atlas soll ja nicht nur Lernwilligen eine Hilfe sein, sondern auch Neugierigen Gelegenheit zum Querfeldeinschmökern bieten.

          THEO STEMMLER

          Wolfgang Viereck, Karin Viereck, Heinrich Ramisch: "dtv-Atlas Englische Sprache". Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002. 275 S., 130 Farb-Abb., br., 14,- .

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