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Rezension: Sachbuch : Solange wir hadern, gibt es einen Ausweg

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Mit einem Mal steht man in politischen Konstellationen, in denen mit großer Dringlichkeit Fragen aufgeworfen werden, die man zuvor ohne zu zögern als alteuropäische Marotten abgelegt hätte. Fragen, die sich nicht in der abstrakten Situation einer "Wertediskussion" stellen, sondern die durch politischen Entscheidungsnotstand gewissermaßen erzwungen werden.

          Mit einem Mal steht man in politischen Konstellationen, in denen mit großer Dringlichkeit Fragen aufgeworfen werden, die man zuvor ohne zu zögern als alteuropäische Marotten abgelegt hätte. Fragen, die sich nicht in der abstrakten Situation einer "Wertediskussion" stellen, sondern die durch politischen Entscheidungsnotstand gewissermaßen erzwungen werden. Die Order des amerikanischen Präsidenten etwa, vom Kurs abweichende Flugzeuge abzuschießen, reißt eine Frage wie jene, welche Übel man in Kauf nehmen darf, um Schlimmeres zu verhüten, aus dem abgeschirmten Bezirk des Akademiendiskurses. Plötzlich redet man über so etwas am Küchentisch. So ist es auch mit den neuen Möglichkeiten der Gentechnik, die dem alten Topos der Freiheit ganz ungewohnt radikale Fragen entlocken, wie man sie seit dem Existentialismus doch eigentlich zu den Akten genommen hatte.

          Nachdem wir uns die schematische Technikkritik im Zeichen der "Antiquiertheit des Menschen" nun wirklich an den Sohlen abgelaufen haben, stehen wir jetzt in einer interessanten Situation. Das Unbehagen, das gewisse Optimierungsstrategien auslösen, kann sich nicht mehr einfach mit der Figur einer humanistischen "Sorge" artikulieren. Die Dinge sind in jeder Hinsicht komplizierter geworden. Möglicherweise ist selten so augenfällig gewesen wie heute, daß die Max Weber verzerrt wiedergebende Alternative nicht heißt: Gesinnung oder Verantwortung, sondern daß die Frage im Sinne Robert Spaemanns vielmehr lautet: Wer hat wofür Verantwortung - und wofür gerade keine? Ihre noch so vorläufige Beantwortung erweist sich als elementar für die Normenkritik einer Gesellschaft, in der die Wechselwirkungen der Handlungsbereiche ständig zunehmen.

          Den bisher ausgreifendsten Versuch, die Herausforderungen der Gentechnik philosophisch zu bedenken, sie von den Prämissen eines strikt säkularen Denkens her einer Kritik zu unterziehen, hat soeben Jürgen Habermas vorgelegt. Der Plan kommt einem so subversiv wie schlagend vor: Er will den Begriff der Freiheit, auf den sich eine autonome Biopolitik beruft, gegen deren Verfechter kehren. Aber das allein macht "Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?" noch nicht zu jenem bemerkenswerten Buch, das es trotz seiner von Habermas betonten Vorläufigkeit ist. Das eigentlich Erregende ist, daß Habermas sich offenbar gezwungen sieht, im Angesicht des Genoms eine weitgehende Anreicherung der Diskurstheorie vorzunehmen, eine Anreicherung, die man getrost auch als "Revision" zentraler Theorieelemente bezeichnen darf. Dies wiederum ist alles andere als ein bloß theoretisch interessanter Vorfall. Er liest sich vielmehr als ein Symptom für das allgemeine Bewußtsein, daß man die Antworten auf unsere aufgescheuchten moralischen Gefühle nicht in der Tasche hat.

          Als einen Beitrag zur Klärung dieser "schwer entwirrbaren Intuitionen" will Habermas seinen Text verstanden sehen. "Ich selbst bin weit davon entfernt zu glauben, daß mir dieses Vorhaben auch nur halbwegs gelungen ist." Trotz dieser Bescheidenheitsgeste geht es revolutionär zu. War bislang nicht allein die "Gesellschaft" der Fluchtpunkt aller "postmetaphysischen", der Praxis der liberalen Demokratie verpflichteten Philosophie? Ging es nicht darum, jedes einer "bloßen" Natur verhaftete Denken als historisch belastetes falsches Bewußtsein auszuweisen? Volker Gerhardt hatte diese Denktradition kürzlich vielleicht etwas zu plakativ als die "Frankfurter Verharmlosung des ,guten Lebens'" bezeichnet. Gemeint ist die philosophische Relativierung inhaltlicher Positionen zugunsten von prozeduralen Argumenten.

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