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Rezension: Sachbuch : So viele Hymnen an den Fußball wie nie

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1973 ist Rudi Gutendorf in Chile. Er soll der Fußball-Nationalmannschaft wieder auf die Beine helfen. In Chile regiert die Volksfront unter Salvador Allende. Gutendorf lernt den Präsidenten kennen und mag ihn vom ersten Augenblick an. In Allendes Landhaus außerhalb Santiagos trinken die beiden zusammen Whiskey.

          1973 ist Rudi Gutendorf in Chile. Er soll der Fußball-Nationalmannschaft wieder auf die Beine helfen. In Chile regiert die Volksfront unter Salvador Allende. Gutendorf lernt den Präsidenten kennen und mag ihn vom ersten Augenblick an. In Allendes Landhaus außerhalb Santiagos trinken die beiden zusammen Whiskey. "Die CIA schreckt vor nichts zurück", sagt Allende zu ihm, "es sind potentielle Mörder, die bezahlte Handlanger in allen Schichten der chilenischen Gesellschaft haben." Ein paar Wochen später ist Allende tot und das Nationalstadion von Santiago ein riesiges Gefangenenlager: "An der Torwand, die ich zum Einschießen vor dem Spiel errichten ließ, wurden jetzt Menschen erschossen."

          Rudi Gutendorf, mittlerweile fünfundsiebzig Jahre alt, ist der Hemingway des deutschen Fußballs: trinkfest, ausdrucksstark und ubiquitär. In 47 Jahren als Trainer hat er es auf 54 Engagements gebracht. Mit Ausnahme der zweiten Station beim FC Luzern, wo er es bis 1960 sage und schreibe fünf Jahre lang aushielt, blieb er nirgends länger als etwa zwanzig Monate. 1974, er hat Chile nach Pinochets Putsch fluchtartig verlassen, ist ein Rekordjahr von mehreren: Erst trainiert er den TSV München 1860, managt dann die Weltmeisterschaft im Hallenfußball, wird Nationaltrainer in Bolivien, wo er in La Paz auf gut viertausend Meter Höhe auch noch den FC Bolivar betreut, um schließlich als Ausbilder nach Venezuela zu entschwinden.

          Klar, daß man bei einer solchen Rotationsgeschwindigkeit nicht auch noch ein wirklich bedeutender Fußballehrer werden kann. Klar aber auch, daß das bunte Leben, das auf diese Weise zustande kommt, voll von Geschichten ist, die erzählt werden wollen. Und das hat Gutendorf nach einem ersten Ausflug in die Memoirenherrlichkeit vor fünfzehn Jahren nun noch einmal getan; zwei Journalisten, einer von ihnen Wegbegleiter seit Jugendtagen, haben ihm dafür die Tastaturen geliehen (Rudi Gutendorf: "Mit dem Fußball um die Welt". Ein abenteuerliches Leben. Aufgezeichnet von Andreas Mäckler und Heinz Schumacher. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2002. 384 S., Abb., geb., 19,80 [Euro]). Das Ergebnis: ein bißchen Parzival, wohl nicht wenig Münchhausen, in der Mischung also guter Hemingway für Daheimgebliebene. Konrad Adenauer hat unseren Helden einst höchstselbst nach Tunesien verabschiedet: "Machen Se et jut, Herr Jutendorf", soll er gesagt haben, "sonst nehmen die einen von der Sowjetzone." Und was Gutendorf über die Entlohnung von Fußballern und Trainern zum besten gibt, ist fast philosophisch, in jedem Fall aber richtig und wahr: "Von jeher waren die berühmten Professoren billiger als die großen Clowns."

          Berühmte Professoren ebenso wie erlauchte Dichter hat Rainer Moritz versammelt, um die Lust am Kicken, vor allem aber die Lust am Zuschauen beim Kicken termingerecht vor dem Beginn der Weltmeisterschaft in Japan und Korea an den lesenden Fan zu bringen (Rainer Moritz : "Vorne fallen die Tore". Fußball-Geschichte von Sokrates bis Rudi Völler. Verlag Antje Kunstmann, München 2002. 286 S., br., 16,90 [Euro]). Das ist gut so, denn Fußball - und gerade Fernsehfußball - braucht die Einstimmung dringend. Man fühlt sich vor der Kiste einfach besser, wenn man sich etwa mit Vladimir Nabokov, Günter Grass und dem frühen, also genialen Peter Handke in geistiger Leidenschaft verbunden weiß - von Franz Kafka und Rilke ganz zu schweigen. Jawohl, es gibt eine Rilkesche Hymne an den Ball, die sich zunächst wie eine Selbstparodie anhört, es aber tatsächlich so ernst wie feierlich meint: "Du Runder, der das Warme aus zwei Händen / im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie / sein Eigenes." Ist das nicht haargenau die Situation beim Einwurf? Kafka übermittelt 1923 aus Berlin nach Prag die Kunde vom Aufsatz eines "Professor Vogel", der aufs neue gegen den Fußball geschrieben habe, um dann zu räsonieren: "Vielleicht hört der Fußball jetzt überhaupt auf."

          Rainer Moritz, Verleger im Hauptberuf, hat das liebevoll ausgestattete Bändchen chronologisch eingerichtet. Dem Untertitel zum Trotz beginnt er auch schon weit vor Sokrates, nämlich im Jahr 2697 vor Christus, als die Chinesen, so die ausführlich referierte These des berühmten Professors Theo Stemmler, mit dem ts' uh küh die archaische Form dieses Sports erfanden. Im munteren Schreiten durch die Jahrtausende gelangt man absehbar auch ins Jahr 1967 nach Christus, in dem Handkes fernhin treffender Roman "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" erscheint, der FC Bayern und Borussia Mönchengladbach in die Erste Bundesliga aufsteigen, Eintracht Braunschweig, die graue Maus, aber deutscher Meister wird. Dies zu erklären bedarf es des Soziologen Heinrich Väth, der unwiderlegbar definiert: "Das Fußballspiel ist ein zeitlich begrenztes, offenes Ereignis, dessen Verlauf durch die nicht planbaren Aktionen der Spielgegner gestaltet wird und das mit einem eindeutigen, nicht vorhersehbaren Ergebnis endet." Nicht zuletzt die Rede vom Unvorhersehbaren gibt dann auch wieder ein bißchen Hoffnung auf die baldigen Darbietungen der deutschen Nationalspieler im fernen Asien.

          Neben Professoren und Dichtern aber kommen auch die teuren und teuersten Clowns zu Wort. Sepp Maier, Beckenbauer, Netzer, Cruyff und Kahn fehlen naturgemäß nicht - und fehlen darf in keinem Falle Rudi Gutendorf. Bei Rainer Moritz begegnen wir ihm 1976 in Botswana, er ("Ich alter Esel") hat sich in die schöne Khani, "Tochter eines Turkana-Negers", verliebt. Echt stark die Geschichte, die dann folgt.

          JOCHEN HIEBER

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