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Rezension: Sachbuch : So schnell bauen die Preußen nicht

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Die Ernte war gerade eingefahren, als am 26. August 1787 in einigen vor der märkischen Stadt Neuruppin gelegenen Scheunen Feuer ausbrach. Das glimmende Stroh wurde vom Wind über die Stadtmauer hinweg getrieben. An mehreren Stellen gleichzeitig begann es zu brennen. Das Feuer wurde zu gewaltig, als daß es noch hätte gelöscht werden können.

          Die Ernte war gerade eingefahren, als am 26. August 1787 in einigen vor der märkischen Stadt Neuruppin gelegenen Scheunen Feuer ausbrach. Das glimmende Stroh wurde vom Wind über die Stadtmauer hinweg getrieben. An mehreren Stellen gleichzeitig begann es zu brennen. Das Feuer wurde zu gewaltig, als daß es noch hätte gelöscht werden können. Acht Menschen starben bei dem Versuch. 415 Bürgerhäuser brannten nieder, zwei Drittel des Bestandes. Das Rathaus, die gotische Marienkirche, die barocke Nikolaikirche, die Schulen wurden zerstört. Das Feuer hatte eine mehrere hundert Meter breite Schneise der Verwüstung durch die Stadt geschlagen.

          Die Regierungszeit von Friedrich Wilhelm II. hatte ein Jahr zuvor begonnen. Der König versprach Hilfe beim Wiederaufbau. Neuruppin wurde zu einem besonderen Fall: Friedrich Wilhelm II. ließ sich dazu überreden, die Stadt nicht nur schlechthin wiederaufzubauen, sondern, wie man heute formulieren kann, "ein Musterprojekt der gemäßigten Aufklärung in Preußen" anzulegen. Damit sollten einerseits die Bürger von Neuruppin so schnell wie möglich wieder in die Lage versetzt werden, ihrem Gewerbe nachzugehen, um wie vor dem Brand treue Steuerzahler ihres Königs zu sein. Zum anderen sollte die Stadt modern werden, mit breiten Straßen, die Luft und Licht hereinließen. Mit klar gegliederten Häuserblocks, deren Gebäude so massiv gebaut sind, daß sich Brände nicht mehr so schnell ausbreiten konnten. Mit einem Stadtmittelpunkt, auf dem nicht mehr die Kirche, auch nicht das Rathaus, sondern ein Gebäude des preußischen Staates steht.

          Sechs bis sieben Jahre sollte dieser Wiederaufbau dauern, das Retablissement, wie es fortan in den preußischen Akten hieß. Sechzehn Jahre wurden es. Erst 1803 hatten alle "abgebrannten Bürger" ein neues Haus. Das Rathaus wurde vollständig erst 1804 fertig, die Kirche 1806. Die Planung war bedeutend, die Ausführung ein Kompromiß. Die Vorbilder für den Wiederaufbau Neuruppins standen in Berlin, etwa auf dem Gendarmenmarkt, wo das Schauspielhaus die Mitte einnimmt, die beiden Kirchen links und rechts hingegen etwas abseits stehen. Je länger der Wiederaufbau von Neuruppin dauerte, desto weniger konnten sich die Bürger auf ihren König verlassen. Friedrich Wilhelm II. ließ sich lieber auf militärische Abenteuer ein oder betrieb seine Mätressenwirtschaft, welche die von Friedrich II. übernommenen wohlgeordneten Staatsfinanzen auf Dauer ruinierten. Dennoch wurde das Retablissement so weit verwirklicht, daß nunmehr nicht Potsdam, sondern das nördlicher gelegene Neuruppin die preußischste aller preußischen Städte war. Auch bekam Friedrich Wilhelm II., der vor dem Ende des Wiederaufbaus 1797 gestorben war, trotz allem später ein Denkmal von der dankbaren Bürgerschaft gespendet. Es verschwand nach dem Zweiten Weltkrieg, auf dem zum Stadion gebrachten Sockel stand fortan ein Lenin. Erst nach dem Untergang der DDR kehrte zunächst der Sockel an seinen alten Platz im Stadtzentrum zurück, 1998 auch der nachgegossene König.

          Die wahren Helden des Wiederaufbaus waren jedoch nicht der König und nicht die Neuruppiner Bürger, sondern die Männer der preußischen Bürokratie. 20000 Blätter haben sie beschrieben und zwischen Berlin und Neuruppin hinund hergeschickt. Ulrich Reinisch, Professor für Architekturgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität, hat diesen Aktenberg studiert und tritt nun in einem fabelhaften Buch den Beweis an, daß man aus preußischen Akten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts nicht nur spannenden Erzählstoff herausfinden, sondern sogar Porträts der handelnden Personen entwerfen kann. In Berlin war es der Staatsminister und Kammerpräsident von Voß, Bruder einer der Geliebten des Königs, der bei Friedrich Wilhelm immer wieder auf den Neuruppin-Plan drängte - bis er 1795 alle Ämter verlor. In Neuruppin leitete der Stadtdirektor und Justizrat Noeldechen die Arbeiten sowie Bauinspektor Brasch. Oberbaurat Berson aus Berlin hatte in Neuruppin manchen Streit zwischen den Behörden zu schlichten. Ganz nebenbei entwarf er sämtliche Fassaden für die neuen Bürgerhäuser, ohne daß diese dadurch eintönig geworden wären. Wie all diese Personen zueinander standen, wie Vertrauen und Mißtrauen sich verteilten, Intrigen gesponnen wurden, wie die Erfolge beim Wiederaufbau viele Väter hatten, die Mißerfolge, der Einsturz des Stadtkanals etwa, in gegenseitigen Schuldzuweisungen endeten - das ist eine menschliche Seite des großen Projektes, an der auch Reinisch im Archiv seine Freude hatte.

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