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Rezension: Sachbuch : So habe ich es auch gespielt, aber es kommt mir falsch vor

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Der wahre Solist ist sich selbst das strengste Publikum: Alfred Brendel bildet ein Diskursduo mit Martin Meyer und regt zum Vergleich mit Kollegen an

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          "Bilde Künstler, rede nicht!" Goethes Satz mag nicht so platt gemeint gewesen sein, wie er aufgefaßt wurde - fatal war seine Wirkung trotzdem. Er hat die Trennung von Kreativität und Intellekt kanonisiert. Gern wird als Beispiel großer schöpferischer Gabe bei bescheiden ausgeprägtem kritischem Verstand Anton Bruckner zitiert; doch er bleibt ein Sonderfall - und wie arm im Geiste er wirklich war, ist sehr die Frage. Umgekehrt gilt: Kein bedeutender Interpret war ein ahnungsloser "Musikant". Art und Grad der Reflexion waren sicher verschieden, Caruso oder Maria Callas weniger bewußte Strukturalisten als Boulez oder Gielen. Doch auch diese Zuordnungen sind relativ: Womöglich war Fischer-Dieskau manchmal sogar "naiver", als es den Anschein hat. Gleichwohl hat er viel geschrieben, ähnlich wie Nikolaus Harnoncourt und Alfred Brendel. Zum "Können" wie zur "Musikalität" gehört eben auch das Wissen - im deutschsprachigen Raum zumal. Doch nicht nur das: Alfred Cortot hat kluge Bücher verfaßt, Ernest Ansermet gar eine voluminöse, fundamentalistische Abrechnung mit der Atonalität.

          Rechtzeitig zu Brendels siebzigstem Geburtstag kommt ein Buch, das selbst der nicht primär Musikkundige mit außerordentlichem Gewinn lesen mag: Gespräche mit Martin Meyer, dem aufs Klavier und die Pianisten versessenen Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung. Diese Unterhaltungen sind in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall. Sie sind weit von jenem Typ "Interview" entfernt, bei dem ein demütiger Fragensteller einem Prominenten die Stichworte für Monologe liefert. Brendel/Meyer bilden ein produktives Diskursduo, in dem der eine den anderen anregt: verbale Kammermusik. Obwohl gerade Brendel, alles andere als ein solipsistischer Virtuose, wenig Kammermusik gespielt hat, was er auch offenherzig begründet: Ausgerechnet der Pianist mit dem so weitgespannten Repertoire hält sich für einen schlechten Vom-Blatt-Spieler - er braucht und nimmt sich Zeit für die Aneignung der Werke, mitunter ein ganzes Leben lang.

          Dazu gehört gleichfalls die Lichtenberg-Devise: "Wer nur etwas von Chemie versteht, versteht nichts von Chemie." Brendel/Meyers Dialoge handeln oft von grundsätzlich ästhetischen Fragen, selbst Politik, auch wenn es "nur" um Musik geht; dennoch behält selbst die scheinbare Abschweifung in außerkünstlerische Gefilde stets ihre musikalische Tönung. Die Einheit von pianistischer Vergegenwärtigungsarbeit und vorbereitendem Quellenstudium, kompositorischer Analyse, flankierender Reflexion macht den Rang des Interpreten aus, der nicht zum erstenmal nicht nur die Saiten, sondern auch seine Ansichten zum Klingen bringt. Wer diese kennt oder kennenlernt, weiß, wie präzise Brendel seine Repertoirevorlieben wie seine exegetischen und exekutiven Strategien begründet: Hände, Hirn und Herz arbeiten im Einklang. Ihm zu widersprechen ist heikel, wer wollte schon ausgerechnet Brendel über Mozart, Beethoven oder Schubert belehren.

          Aber Brendel ist Österreicher genug, um zu wissen, daß jed' Ding seine zwei Seiten hat; und seit einem Vierteljahrhundert lebt er in London - die britische Reserve gegen Dogmatismen aller Art bewahrt ihn vor Guru-Attitüden. Schwerlich kann ihm daran gelegen sein, daß man seine, durchaus dezidierten, Auffassungen als Orakel nimmt. Sosehr er sie spielend einlöst, sowenig muß man sich partout mit ihnen identifizieren.

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