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Rezension: Sachbuch : So dumm waren sie nicht, aber auch nicht so ungerecht

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Gehörte der Antisemitismus im Kaiserreich zur Identität der Katholiken? Olaf Blaschkes These und der Systemzwang der Strukturgeschichte

          Wenn von christlichem Antisemitismus in der deutschen Kaiserzeit die Rede ist, denkt man gewöhnlich an breite Kreise des Protestantismus, vor allem um den Hofprediger Stoecker. Nicht als ob der deutsche Katholizismus von antisemitischen Strömungen frei gewesen wäre. Katholischer Antisemitismus ist in der Forschung bisher auch keineswegs ein Tabu gewesen. Autoren wie Rohling, Rebbert, Rost, Seidl, aber auch prominente Persönlichkeiten wie Alban Stolz, Hettinger und die Bischöfe Martin (Paderborn) und Keppler (Rottenburg) waren klassische Beispiele für eine Mentalität, die hinter kirchenfeindlicher Moderne, Kapitalismus und Liberalismus überall den "zersetzenden" jüdischen Einfluß witterte. Die bisherige Forschung von Lill (in "Kirche und Synagoge", 1970) bis zu Hannot (1993) und Uwe Mazura (Zentrumspartei und Judenfrage, 1994) bot jedoch ein vielschichtiges Bild. Die Differenzierung war einerseits schichtenspezifisch, andererseits regional. Antijüdische Einstellungen waren stark verbreitet in Bayern und Westfalen, von Österreich nicht zu reden, weniger im Rheinland, stärker auf dem Land als in der Stadt. Es überwog die "Realkonfliktthese": Aversionen gegen "die Juden" gründeten in sozialen Konflikten oder in unterschiedlichen Positionen in (und gegenüber) der modernen Gesellschaft. Ferner war bekannt, daß die Führung der Zentrumspartei sich konsequent allen Versuchen widersetzt hat, die Emanzipation der Juden durch Ausnahmegesetze wieder einzuschränken, und dies auch gegen Widerstände in den eigenen Reihen. Die Formel Lills von der insgesamt "ambivalenten" katholischen Haltung gegenüber den Juden galt deshalb bisher als die bestbegründete.

          An die Stelle dieser differenzierten Antwort setzt nun die Untersuchung von Olaf Blaschke, eine Doktorarbeit bei Hans-Ulrich Wehler in Bielefeld (1995), die radikale These eines durchgängigen katholischen Antisemitismus: nicht "Ambivalenz", sondern "Aversität". Es habe einen in sich homogenen antisemitischen "Diskurs" gegeben, der geradezu zur Identität des (ultramontanen) Katholizismus gehört habe. Methodisch ist der Arbeit eine Breite der Quellenbenutzung zuzuerkennen, deren sich keine der vorhergehenden Monographien rühmen kann. Beschränken sich diese zumeist auf Bücher und Artikel, die ausführlicher die "Judenfrage" erörtern, so bezieht diese Arbeit auch die "untere" Ebene des katholischen "Diskurses" in Tageszeitungen, Sonntagsblättern, erbaulichen Traktaten, Reden und Predigten ein.

          Homogener Diskurs

          Was ist das wesentliche Ergebnis? Nach Blaschke ist der ultramontane Katholizismus im allgemeinen und speziell in der Einstellung zu den Juden viel weniger plural, als die bisherige Forschung wahrhaben wollte. Blaschke interpretiert den Ultramontanismus als durchgängigen antimodernen "Fundamentalismus" beziehungsweise als "Kontermodernisierung" und lehnt deshalb auch die von Soziologen und Historikern - keineswegs nur katholischer Provenienz - bevorzugte These von der "Teilmodernität" des deutschen Katholizismus etwa auf politisch-gesellschaftlichem Feld ab. Der Ultramontanismus habe im Zuge seiner innerkatholischen Durchsetzung ein antijüdisches Feindbild ausgebildet, von dem nur "Abweichler" wie die Altkatholiken sich klar zu distanzieren wagten. Dabei sucht er nachzuweisen, daß dieser spezifisch "katholische Antisemitismus" zeitlich und regional proportional zur "Ultramontanisierung" des Katholizismus und der Formierung des "katholischen Milieus" gewachsen sei.

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