https://www.faz.net/-gqz-6qkd8

Rezension: Sachbuch : Smalltalk mit Wittgenstein

  • Aktualisiert am

Grundkurs künstliche Intelligenz: John Castis "Cambridge Quintett"

          John L. Casti, Mathematikprofessor aus New Mexico, betont bereits im ersten Satz seines neuen Buchs "Das Cambridge Quintett": "Das ist kein Roman." Er hat recht. Zu monoton wäre die Handlung, um Leser bei der Stange zu halten, die sich vom Aufeinandertreffen von fünf Geistesgrößen an einem regnerischen Juniabend 1949 mehr als den Austausch von wissenschaftlichen Ansichten zur Künstlichen Intelligenz versprochen hätten. Casti fährt in seinem Satz fort: "Es ist jedoch ein Werk der Fiktion, Teil eines neu aufkommenden Genres, das ich ,Wissenschaftsfiktion' (scientific fiction) nennen möchte." Er hat unrecht. Sein angeblich neues Genre gibt es bereits seit mehr als zweitausend Jahren, und sein Erfinder hieß Platon.

          Denn "Das Cambridge Quintett" ist nicht mehr (und nicht weniger) als ein Gespräch zwischen Denkern. So wie Platon seinem Lehrer Sokrates die Hauptrolle zugesprochen hat, läßt Casti den Mathematiker Alan Turing zum Angelpunkt des Abends werden. Wie sich Sokrates in Platons Dialogen mit seinen Freunden und Gegnern gern abseits der Agora versammelte, so hat auch Charles Percy Snow, promovierter Physiker, 1949 Fellow am Christ's College und als Berater der britischen Regierung tätig, vier Gäste zu sich geladen, um das Problem zu erörtern, ob eine Maschine gebaut werden könne, die imstande sei, menschliches Denken zu simulieren. Außer Turing, einem noch jungen Genie, das im Zweiten Weltkrieg den Code der deutschen Enigma-Chiffriermaschine geknackt hatte, versammelt Snow den österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein, dessen Landsmann Erwin Schrödinger, den Pionier der Quantenmechanik, und den englischen Genetiker John Burdon Sanderson Haldane.

          Natürlich entspringt der nasse Abend Castis Phantasie, und genau deshalb hätte man einiges mehr erwarten können. Zumindest eine gewisse Komplexität seiner Protagonisten, die zwar nach dem Leben gezeichnet sein, zugleich aber in der Fiktionauf bestimmte Marotten festgelegt werden sollen. Das mißlingt. Heißt es etwa von Wittgenstein, er sei "von Natur aus außerstande, das bei derlei Situationen übliche Geplapper und Getue zu ertragen", so wird nur vier Seiten später ein Thema ins Gespräch gebracht, "für das Wittgenstein beachtliche Energie aufbrachte", und dieses Thema ist nicht etwa ein wissenschaftliches Problem, sondern "das Leben außerhalb des akademischen Rahmens von Cambridge". Man kann sich wohl kaum einen typischeren Smalltalk zwischen Dozenten vorstellen, die einst derselben Hochschule angehört haben.

          Casti wechselt ansatzlos vom Präteritum ins Präsens und zurück, ohne daß der geringste Grund dafür ersichtlich wäre. Spannungsbögen kennt er nicht, der Gipfel seiner Fähigkeiten in situativer Darstellung ist schnell erreicht: "Wittgenstein konnte sich nicht länger zurückhalten. Er warf seine Serviette hin und beugte sich über den Tisch, um Turings Behauptungen anzuzweifeln." Schmeißen, beugen, zweifeln - wir beben vor Neugier.

          Immer wieder schlüpft Casti zudem in die Rolle des auktorialen Erzählers und zitiert aus den Gedanken seiner Akteure, die jedoch nichts mitzuteilen haben, was der Leser sich nicht auch selbst hätte denken können. Hauptstilmittel dieses "Romans" ist eine Rhetorik der Redundanz, wie sie einem Lehrbuch gut anstehen mag, einer scientific fiction aber nicht gerade den Anschein von Lebendigkeit verleiht.

          Das gesamte Buch strahlt die Aura eines Grundkurses in Kybernetik aus. Zwischen den einzelnen Gängen des nächtlichen Mahls gibt es Pausen, in denen Snow die Gesprächspartner immer wieder zur Reflexion aufruft: "Vielleicht denken wir alle einmal über diese Frage nach, was Sprache mit menschlichen Denkvorgängen zu tun hat, und teilen einander unsere Ansichten mit, wenn wir an den Tisch zurückkehren." Vielleicht denken wir alle bei solchen Formulierungen an die derzeit so populären Persönlichkeitsschulungen oder Managementkurse, mit denen obskure Anbieter ihrer Kundschaft das Geld aus der Tasche ziehen.

          Die Tatsache, daß dieses Buch erstens von Rezensenten als Sachbuch bezeichnet wird und zweitens in diversen Besprechungen blendend davongekommen ist, macht deutlich, wie niedrig die Ansprüche bei der Vermittlung von naturwissenschaftlich angehauchtem Wissen unter Geisteswissenschaftlern sind. In seinen "Szenarien der Zukunft" hat Casti vor sechs Jahren bewiesen, daß er eine geschliffene Fachprosa zu schreiben versteht (F.A.Z. vom 2. Februar 1993). In Ansätzen blinkt dieses Können auch im "Cambridge Quintett" auf, wenn er anschaulich Searles Problem des "Chinesischen Zimmers" oder die Modellierung von Elementarrechnungen vorstellt. Aber dann bricht immer wieder die Rahmenhandlung über die Diskussion hinein und verdunkelt die lichten Momente. Man kann das Buch nur auf den Tisch schmeißen, sich vorbeugen und tief verzweifeln. ANDREAS PLATTHAUS

          John L. Casti: "Das Cambridge Quintett. An einem regnerischen Abend unterhalten sich Snow, Wittgenstein, Turing, Haldane und Schrödinger bei einem guten Dinner über künstliche Intelligenz". Eine wissenschaftliche Spekulation. Aus dem Englischen übersetzt von H. Jochen Bussmann. Berlin Verlag, Berlin 1998.

          207 S., geb., 34,- DM.

          Weitere Themen

          Wer übernimmt die Verantwortung? Video-Seite öffnen

          Koma-Patient Vincent Lambert : Wer übernimmt die Verantwortung?

          Nachdem Ärzte am Montag die künstliche Ernährung Lamberts beendet hatten, ordnete ein Gericht in Paris nun deren Wiederaufnahme an. Der jahrelange Rechtsstreit hat die Familie gespalten und Lamberts Eltern bis vor die höchsten Instanzen Frankreichs geführt.

          Topmeldungen

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, dass die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.
          Durch die Druschba-Pipeline fließt zur Zeit kein Öl.

          Versorgung stockt : Lieferstopp für russisches Öl trifft Ostdeutschland

          Seit vier Wochen erreicht kein russisches Öl mehr die deutschen Raffinerien. In Berlin wurde nun sogar das Flugbenzin knapp. Immer mehr drängt sich die Frage auf, wer für den Schaden aufkommt.
          Wolfgang Schäuble kritisiert den Drang nach „immer perfekteren Regelungen“ auch beim Bundesverfassungsgericht

          FAZ Plus Artikel: 70 Jahre Grundgesetz : Mehr Freiraum!

          Das Grundgesetz wurde als Fundament für einen freiheitlichen, handlungsfähigen Staat geschaffen. Diesen Gedanken sollten wir wieder stärker freilegen, statt uns weiter einzumauern hinter immer neuen Regelungen, die noch detailliertere nach sich ziehen. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.