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Rezension: Sachbuch : Sittenloses Treiben lehne ich ab

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Die Mutter, die so redet, beweist verblüffende Einfalt: Judith Rich Harris vertreibt den Mut zur Erziehung / Von Michael Gassmann

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          Bei der Geburt geraten wir mit einem Mal in eine prächtige und erschreckende Falle. Bei der Geburt sehen wir etwas, was wir uns vorher nicht hätten träumen lassen. Vater und Mutter liegen auf der Lauer und fallen über uns her wie Räuber aus dem Gebüsch. Der Onkel ist eine Überraschung. Die Tante kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wenn wir mit der Geburt in die Familie eintreten, betreten wir eine Welt, die unberechenbar ist, eine Welt, die ihre eigenen befremdlichen Gesetze hat, eine Welt, die auch ohne uns auskommt, eine Welt, die wir nicht gemacht haben." Ob Judith Rich Harris ihren Chesterton gelesen hat, aus dessen Buch "Ketzer" diese Familienbeschreibung stammt, ist unbekannt. Wahrscheinlich hätten sich die beiden nicht sonderlich gut vertragen.

          Chesterton preist die Familie, weil sie auch ohne uns auskomme; sie bestehe aus "gegebenen Menschen", die exemplarisch seien, weil sie zufällig sind. Harris will nachweisen, dass wir ohne die Familie auskommen (nur was die Erziehung betrifft, versteht sich). Chesterton verachtet Gruppenbildung, weil sie die Auseinandersetzung mit dem andersartigen Individuum verhindere: "Eine große Gesellschaft ist dazu da, Gruppen von Gleichgesinnten herauszubilden. Eine große Gesellschaft ist eine Gesellschaft zur Förderung der Beschränktheit." Harris zufolge kann die Bedeutung von Gruppen - "peer groups" - für die Erziehung gar nicht überschätzt werden. Das Wort "Individuum" verwendet sie erstmals auf Seite 423 ihres dickleibigen Werks. Natürlich reden der Katholik und die Psychologin aneinander vorbei; dennoch funkeln im Lichte dieses fiktiven Konflikts die Begriffe "Familie" und "Gruppe" besonders bunt. Wie viele ihrer Facetten hat Harris in ihrem Buch beschreiben können?

          Der Autorin geht es um die Kritik der so genannten "Erziehungshypothese". Dieser These zufolge entwickeln sich im Elternhaus Verhaltensmuster, die auch außerhalb des Elternhauses das Verhalten in allen erdenklichen Situationen bestimmen. Harris tritt dieser Hypothese mit einer ungeheuren Fülle von Versuchsanordnungen entgegen und zieht aus diesen den Schluss, dass die Familie keineswegs das hauptsächlich prägende Umfeld bildet, sondern dass es die Gleichaltrigengruppen sind, in denen Kinder sozialisiert werden.

          Harris wendet sich energisch gegen die Vorstellung, man schleppe Erlerntes wie einen Rucksack mit sich herum; vielmehr werde Verhalten in jedem sozialen Kontext neu erlernt. Damit distanziert sie sich von Freudianern und Behavioristen gleichermaßen. Sie kritisiert die Unterschätzung des genetischen Einflusses in den meisten Untersuchungen zum Verhalten von Kindern und verweist auf die Evolutionsgeschichte, die zeige, dass die Institution der Familie - anders als die der sozialen Gruppe - eine lächerlich junge Erfindung ist. Scharf geißelt Harris die fragwürdigen Methoden der Entwicklungspsychologie, die fast immer die Auswirkungen der Eltern auf ihre Kinder, fast nie aber die Wechselwirkungen zwischen Kindern und Eltern untersuche, selten zwischen häuslichem und außerhäuslichem Verhalten unterscheide, demografische Faktoren vernachlässige und äußere Umstände unberücksichtigt lasse.

          Dies ist ein glänzend geschriebenes und ausgezeichnet übersetztes Buch, dessen Sogwirkung man sich kaum entziehen kann. Harris kokettiert mit ihrem außeruniversitären Status, und der antiakademische Elan, mit dem sie gegen die Lehrgebäude der Schulpsychologie anrennt, hat beträchtlichen Charme. Mit Leidenschaft bekämpft sie den kulturellen Mythos, zu dem die Theorie vom alles beherrschenden Einfluss der Eltern inzwischen geworden ist. Wer würde ihr da nicht Recht geben? Die Talkshow-Inflation bringt die verheerenden Folgen Freuds an den Tag; da ist kaum ein Problemchen der Studiogäste, das nicht unmittelbar, so deren Überzeugung, auf starke, schwache, trinkende, schlagende, überängstliche, sorglose, herrische oder unterwürfige Väter oder Mütter zurückzuführen ist.

          Wie sollen, so eine von Harris' verblüffend einfachen Fragen an die Zunft, Kinder alles von ihren Eltern lernen, wo doch Kindern fast alles verboten ist, was Eltern gewöhnlich tun? Wer sagt einem, so eine andere Frage, dass Eltern, wenn sie unfreundlich, energisch, herrisch zu einem Kind sind, nicht auch auf dieses Kind reagieren, ihr Tun eine Folge des vielleicht genetisch bedingten Verhaltens des Kindes ist?

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