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Rezension: Sachbuch : Sinn und Sinnlichkeit

  • Aktualisiert am

Daniel Goleman trainiert Ihr Gefühl / Von Stefana Sabin

          Solange es ihn gibt, seit 1912, ist der IQ, der Intelligenzquotient, umstritten.

          Unumstritten ist, daß zum Erfolg mehr als meßbare Intelligenz gehört, zum Beispiel das, was man in der Alten Welt gute Manieren und in der Neuen "social graces" nennt. Jetzt gibt es ein Buch, das diese Alltagserfahrung mit Zeitungsmeldungen und Erhebungen aus allen Universitäten Amerikas belegt, "EQ. Emotionale Intelligenz". Der Autor Daniel Goleman, Psychologe und langjähriger Herausgeber der Zeitschrift "Psychology Today", ist jetzt Redakteur der "New York Times". Nicht zufällig wurde das Buch in seiner Zeitung lanciert und begann so eine Karriere, die inzwischen die Hochglanzmagazine erreicht hat. (Ein Magazin, das sich hierzulande mit nackten Männern auf dem Umschlag durchzusetzen versucht, bezeichnet sich als "Frauenmagazin mit EQ".)

          Der Erfolg dieses Buches kommt vor allem von dem Kürzel "EQ", das für "Emotional Quotient" steht und eine Alternative zu dem furchteinflößenden "IQ" zu sein scheint: Wer nicht intelligent ist, kann immer noch emotional intelligent sein, oder? Eben nicht, denn zur Klugheit gehört, daß man mit seinen Gefühlen umgehen kann - umgekehrt ausgedrückt: Wer mit seinen Gefühlen nicht umgehen kann, ist gewöhnlich auch sonst dumm. Goleman behauptet nicht, daß der "EQ" den "IQ" ersetzen soll, und er versucht auch nicht, Emotionen zu quantifizieren. Er stellt nur fest, daß sich erfolgversprechende Eigenschaften nicht mit herkömmlichen Intelligenztests messen lassen, und verrechnet sie statt dessen unter dem Begriff der "emotionalen Intelligenz".

          Dazu gehören Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung, Rücksicht auf andere, Zielstrebigkeit und Durchsetzungsvermögen. EQ schließt IQ ein, nicht aus! "Emotionale Intelligenz ist eine übergeordnete Fähigkeit, eine Fähigkeit, die sich - fördernd oder behindernd - zutiefst auf alle anderen Fähigkeiten auswirkt."

          Natürlich weiß Goleman, daß viele der Eigenschaften, die er für emotional intelligent hält, genetisch vorgegeben sind. Aber in bester amerikanischer Tradition glaubt er, daß alles gelernt und gelenkt werden kann, und er plädiert für Therapie und Training. Denn gute und schlechte Gefühle gibt es nicht, nur zu viele oder zu starke Gefühle, die schädlich sind oder schädlich werden können und die kontrolliert, beherrscht, verdrängt, sublimiert werden müssen. Anders als der IQ kann der EQ beeinflußt werden; Verstand und Gefühl, Sinn und Sinnlichkeit müssen im Gleichgewicht gehalten werden, und das kann man lernen. Goleman beschreibt Schulen, wo "Self Science" auf dem Lehrplan steht, ein Fach, in dem Kinder lernen, ihre Gefühle zu erkennen, zu benennen und zu beherrschen. Solchen Unterricht wünscht er sich überall, denn dies ist schließlich Golemans Hauptanliegen: die Erziehung zur emotionalen Intelligenz, das erlernte Haushalten mit Emotionen, das Beherrschen von Reaktionen.

          Gewalt, Kriminalität, Scheidung, Depression haben als eine Ursache das Fehlen emotionaler Selbstbeherrschung. Beispiel: Zwei Jungen streiten sich in der Schule; am nächsten Tag kommt einer von ihnen mit einem Revolver und erschießt den anderen. Golemans Schlußfolgerung: Hätte der Junge verstanden, warum er zornig ist, und hätte er seinen Zorn zu zügeln gewußt, hätte er nicht geschossen. Ein anderes Beispiel: Ein Elternpaar kommt spätabends in dem Glauben nach Hause, daß die Tochter bei einer Freundin übernachte. Aber die will ihre Eltern damit überraschen, daß sie doch zu Hause ist, und versteckt sich im Schrank. Als sie aus dem Schrank herausspringt, hält der Vater sie für einen Einbrecher und erschießt sie, woraus Goleman die Lehre zieht, daß der Vater seine Emotionen hätte beherrschen sollen. Nicht daß ein Schuljunge eine Schußwaffe hat oder daß ein Familienvater einen Revolver trägt, findet Goleman bemerkenswert; ihn beschäftigt die Unbeherrschtheit der Emotionen, die zum Gebrauch von Schußwaffen führt. Insofern lautet die Abhilfe, die er für alle Übel der heutigen Gesellschaft weiß: emotionale Schulung.

          Das Buch bietet denn auch Anleitungen zur emotionalen Selbsthilfe und Ratschläge für alle Lebenslagen, etwa für schlechte Laune: "Man nimmt, wenn man sich niedergeschlagen fühlt, ein heißes Bad, greift zu seiner Lieblingsspeise, hört Musik oder macht Sex." (sic!) Im Kapitel "Eheliche Ratschläge für sie und ihn" heißt es: "Zuhören ist eine Fähigkeit, die Paare zusammenhält." Daß dieses Buch nichts ausläßt, zeigen schon Überschriften wie: "Führung mit Herz", "Seele und Medizin", "Die Wurzeln des Vorurteils", "Der Preis des Pessimismus - die Vorzüge des Optimismus", "Wie man mit Depressionen umgeht", "Eßstörungen". Goleman bemüht die Gehirnforschung (schließlich schreibt er im Jahrzehnt des Gehirns) ebenso wie die Psychologie und die Medizin, und seine Erkenntnisse bündelt er in Sätzen wie diesen: "Das Unvermögen, Gefühle anderer wahrzunehmen, ist ein großer Mangel an emotionaler Intelligenz und ein tragisches Defizit an Menschlichkeit." Oder: "Tiefen und Höhen verleihen dem Leben Würze, müssen aber ausgeglichen sein." Oder: "Unkontrollierte Emotionen beeinträchtigen den Verstand."

          Mit seiner Scheinbegrifflichkeit verbrämt dieses Buch, was der gesunde Menschenverstand schon immer wußte, und unterscheidet sich darum nicht von den unzähligen anderen Selbsthilfebüchern. Golemans bester Einfall war der Titel; jedes weitere Wort war zuviel.

          Daniel Goleman: "EQ. Emotionale Intelligenz". Aus dem Amerikanischen von Friedrich Griese. Hanser Verlag, München 1996. 424 S., geb., 48,90 DM.

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