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Rezension: Sachbuch : Singsang und Reimgeklingel

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"Die schönste Stelle im Werther ist die, wo er den Hasenfuß erschießt." Lichtenbergs bissiges Diktum begnügt sich noch mit dem Tod der literarischen Figur. Goethes Kritiker wissen sich freilich zu steigern. Hardenberg/Novalis wolle ihn "deliert", also ausgelöscht haben, berichtet Goethe selbst. Die Jungdeutschen ...

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          "Die schönste Stelle im Werther ist die, wo er den Hasenfuß erschießt." Lichtenbergs bissiges Diktum begnügt sich noch mit dem Tod der literarischen Figur. Goethes Kritiker wissen sich freilich zu steigern. Hardenberg/Novalis wolle ihn "deliert", also ausgelöscht haben, berichtet Goethe selbst. Die Jungdeutschen und ihre Gesinnungsgenossen begrüßten Goethes Tod ganz unverhohlen: "Dein Tod ist ja unser Leben!" Tucholskys Berliner Hitlerjunge erklärt: "Wenn wir an die Macht gelangen, schaffen wir Goethe ab." Nicht immer kommt der Wunsch zum "Delieren" so rigoros zum Ausdruck wie in solchen Äußerungen. Man kann sich auch damit begnügen, Goethe vom Sockel des Sinn- und Kulturstifters zu stürzen, ihn als literarische Referenz der Deutschen abzusetzen oder ihm doch zumindest seinen politischen Rücktritt nahezulegen. Der vorliegende Band, der eine Münchner Ringvorlesung dokumentiert, stellt eine Angriffslust vor, die auf den verschiedensten Niveaus und mit abgestufter Vehemenz daherkommt.

          Die Herausgeber haben nach kritischen "Wohlwollenden" und nach respektvollen "Mißwollenden" gesucht. In den Fällen Heine, Fontane, Arno Schmidt und Hans Blumenberg ist ihnen das gelungen. Anders steht es mit dem Ehepaar Varnhagen, mit Thomas Mann, aber auch mit dem überraschend nominierten Eckhard Henscheid - da handelt es sich doch wohl um unverkennbare Anhänger, die sich in der kritischen Phalanx nicht recht zu Hause fühlen dürften. So bleiben als harter Kern eigentlich nur Lichtenberg und Novalis (aber auch da kann man zögern), Kleist, Heidegger und - der amerikanische Germanist W. Daniel Wilson, der damit zu unverhofften Ehren kommt.

          Lichtenberg, so erfahren wir allerdings (von Gerhard Neumann), hat sich nur am "Werther" gerieben und überdies seine kritischen Aperçus in der Schublade gelassen. Was die Werther-Kritik angeht, hat ihn womöglich Goethe selbst übertroffen. Und auch Novalis, der Goethe immerhin den "wahren Statthalter des poetischen Geistes auf Erden" genannt hatte, verfügte nur noch über wenig Zeit, um seine Enttäuschung über den Verrat der Poesie an die Prosa allein auf den "Wilhelm Meister" zu richten. Persönliche Enttäuschung und mehr war bei Kleist im Spiel. Nicht davon allerdings berichtet Erich Meuthen, sondern von einer Art Stellvertreterkrieg. Den führt Penthesilea gegen Iphigenie, und das heißt, wie wir belehrt werden, die "Unmittelbarkeit und Eigentlichkeit", die "Wirklichkeit der Metapher", gegen ein symbolästhetisches, also scheinhaftes Dichtungskonzept. Kann man die Abstraktion noch weiter treiben?

          Erst Heidegger läßt erkennen, wie eine fundamentale Goethe-Kritik aussieht. Clemens Pornschlegel muß dabei ingeniös vorgehen - denn die öffentlichen Äußerungen Heideggers zu Goethe bestehen aus gerade vier "Zitatschwalben", eingeleitet mit einem abfälligen Vorlesungssatz von 1934/35, der Goethe in die Gefilde des "Singsangs", "Versgehüpfes" und "Reimgeklingels" verweist, gefolgt von einer Äußerung gegenüber Hannah Arendt ("Mit den Jahren lerne ich Goethe verstehen", 1950), beschlossen von freundlichen Referenzen seit Mitte der fünfziger Jahre. Das ist reichlich wenig - wäre da nicht die "Kunst des Weglassens" als deutlich markiertes polemisches Schweigen. Denn Goethe wird weggelassen, um einen anderen Dichter in Stellung zu bringen - Hölderlin, der "das deutsche Seyn am weitesten hinaus- und vorausgeworfen" hat, den wahren "Dichter der Deutschen im subjektiven Genitiv".

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