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Rezension: Sachbuch : Singsang und Reimgeklingel

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Heidegger folgt dabei Norbert von Hellingrath, der den Austausch Goethes gegen Hölderlin vorweggenommen hatte. Die Deutschen "das Volk Goethes"? Das sei lächerlich und "kleineleutehaft". Der "innerste Glutkern" liege woanders - die Deutschen seien das "Volk Hölderlins". Den generationstypischen Befund bekräftigt Carl Schmitt 1948: ",Jugend ohne Goethe' (Max Kommerell), das war für uns seit 1910 in concreto Jugend mit Hölderlin, d. h. der Übergang vom optimistisch-ironisch-neutralisierenden Genialismus zum pessimistisch-aktiven-tragischen Genialismus." Goethe war flach und den neuen Aufgaben des deutschen Volkes, der neuen "Religionsgemeinschaft post Christum", wie Pornschlegel sagt, nicht länger gewachsen.

Bereits das Goethe-Jahr 1932 hat es mit dieser Stimmungslage zu tun. In seinem fesselnden Beitrag beschreibt Wolfgang Frühwald die ohnmächtigen Versuche der bürgerlichen Humanisten, an ihrer Spitze Thomas Mann, die Goethesche Wertetafel hochzuhalten und den "unverlierbaren Besitz" Goethes, wie es im öffentlichen Aufruf vom 16. März 1932 heißt, gegen den anbrandenden Radikalismus zu behaupten. Daß es just von Goetheanern Versuche gab, Goethe mit auftrumpfendem Pathos zum Genossen des Zeitgeistes zu machen, wäre zu ergänzen. Ausgerechnet der Präsident der Goethe-Gesellschaft, Julius Petersen, tat sich dabei besonders hervor. "Irgendwie taugte Goethe nicht zum Nazi." Der beiläufige Satz eines weiteren Beiträgers (Hans-Edwin Friedrich) ist geeignet, manchem Kritiker Goethes den Wind aus den Segeln zu nehmen. Goethe ist kein Gewährsmann radikaler Genialität, wie immer die sich geben mag. Gerade die fundamentalistische Goethe-Kritik bestätigt aufs erfreulichste diesen Sachverhalt.

Es gibt vieles, was Goethe-Kritiker auf dem Herzen haben. Oft genug handelt es sich freilich um Gebilde des "Goethegötzenkultes" (Theodor Fontane), gegen die man Sturm läuft, um Schemen, verfestigte Vorurteile, abgenutzte Topoi, die schon ein authentisches Goethe-Studium erledigen würde. Ernst nehmen muß man deshalb eine Kritik, die mitten aus einem solchen Studium kommt. Das ist der Fall bei Hans Blumenberg, dem Ethel Matala de Mazza eine eindringliche Studie widmet. Der heikle Punkt, an dem Blumenberg Anstoß nimmt, ist freilich nicht neu - es geht um Goethes "Den Tod aber statuiere ich nicht" und die Vorkehrungen der ästhetischen Selbstbehauptung, "der eigenen Sterblichkeit zu entkommen". Klug wird Blumenberg als geradezu benjaminisch-barocker Melancholiker identifiziert, der seine Philosophie der neuzeitlichen Selbstbehauptung "im Horizont des memento mori" entfaltet. Für Goethe bleibt dann der Part einer "hermetischen Abschirmung gegen den Einbruch der Geschichte" - und des Todes. In der Tat hat Goethe sich systematisch und mit Spinoza der Maxime "Gedenke zu leben" verschrieben, und dies mit einer Konsequenz, die man markieren, aber nicht um ihr eigenes Recht bringen kann.

Von Arno Schmidt erfährt man, daß in seinem Literatenelysium die Autoren von ihren Biographen getrennt untergebracht sind - "man könnte ja nie und nimmer Goethe und Bielschowsky zusammensperren. Nein, hier unten ist man wohl gerecht, aber nicht unnötig grausam." Auch in diesem wohlwollenden Band haben es nicht alle Kritiker leicht, neben ihrem Objekt zu bestehen.

HANS-JÜRGEN SCHINGS

Karl Eibl, Bernd Scheffer (Hrsg.): "Goethes Kritiker". Ventis Verlag, Paderborn 2001. 208 S., br., 68,- DM.

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