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Rezension: Sachbuch : Sie stieg über alles hinweg

  • Aktualisiert am

Auf Zarafa ritt Frankreichs Glück / Von Sonja Zekri

          3 Min.

          Es ist ein ganz und gar unwürdiges Ende. Einst hatte sie Frisuren, Krawattenknoten und Soireen inspiriert, gar einer veritablen Massenbewegung ihren Namen geschenkt - "Zarafamanie", abgeleitet vom arabischen "Zarafa", also Giraffe. Balzac, Flaubert und Stendhal verehrten sie. Heute jedoch lässt Frankreich sie in der Provinz verstauben. Auf einem Treppenabsatz des Musée La Faille in La Rochelle steht die "Giraffe von Sannar", neben einem Dik-Dik, drei Nilpferdschädeln, einigen Schrumpfköpfen und dem ausgestopften Orang-Utan der Marie Antoinette. Im Unterschied zu manch anderer abgetakelter Königin der Herzen aber liegt in den berühmten sanften Augen der "schönen Ägypterin" der Schimmer des Verzeihens.

          Betrachtet man Michael Allins zauberhaftes Buch über Frankreichs erste und berühmteste Giraffe von den Treppenstufen La Rochelles, so entdeckt man eine Parabel über die Vergeblichkeit des Ruhms und den Undank der Welt. Blickt man aber auf die Anfänge der Geschichte, so zeichnen sich die delikaten Umrisse eines unbekannten Sprösslings aus der damals noch jungen, aber umso leidenschaftlicheren Liaison zwischen Frankreich und Ägypten ab.

          Wäre nicht ein Bataillon von Wissenschaftlern hinter Napoleon durch den Wüstensand gestapft, um das Land der Pharaonen zu einem der besterforschten seiner Zeit zu machen, hätte nicht Mehmed Ali Ägypten nach dem Vorbild Frankreichs - und mit dem Geld des Sklavenhandels - modernisieren wollen, Zarafa wäre als französisches Nationalsymbol nie geboren worden. Die Rolle der Hebamme kam Bernardino Drovetti zu. Ein Söldner wie Mehmed Ali, französischer Vertreter in Kairo und nebenberuflich Tierhändler, versorgte er Europas Höfe mit Straußenfedern. Als Mehmed Ali Frankreich gegen sich aufbrachte, weil er mit Griechenland Krieg anfing, war es Drovettis Idee, Karl X. mit den Reizen einer Giraffe milde zu stimmen.

          Allins Thema ist das Wunder historischer Koinzidenz, der Wiegeschritt der Aufklärung und die Schönheit einer Bagatelle. So lässt er ein Drittel des nicht eben dicken Bandes verstreichen, ehe die Giraffe mit ihrer Mutter - Letztere erschossen, zerteilt und in handliche Portionen verpackt - in Khartoum ein Boot besteigt, um mit den Sklavenschiffen nilabwärts zu segeln. Sie ist schmal, als sie ihre zweijährige Reise antritt, und wächst auch später nur auf zierliche 3,66 Meter Höhe heran. Scheu und märchenhaft entrückt, erscheint sie den Zeitgenossen rätselhaft, ja hässlich: "Die Länge ihres Halses, der abfallende Rücken, das unvollkommen gerundete Hinterteil und ihr langer nackter Schwanz - all dies steht in einem scheußlichen Kontrast zueinander", notiert der Präfekt von Marseille. Doch die Tierpfleger umsorgen sie hingebungsvoll, der Innenminister, obwohl nicht zuständig, zahlt den Transport, der Präfekt gewährt ihr wochenlang Unterschlupf und entscheidet: "Man findet sie schön, ohne zu wissen, warum." Der Leser aber ist klüger: Die Menschen lieben sie, weil sie in ihnen die edelsten Gefühle weckt.

          Das gilt auch für Étienne Geoffroy Saint-Hilaire. Obwohl von Gicht und Rheuma geplagt, begleitet der genialische Leiter des "Jardin des Plantes" das Tier auf dem neunhundert Kilometer langen Fußmarsch von Marseille nach Paris. Es ist die schönste Strecke des Buches. Bald eilt der wackere Saint-Hilaire voraus, um für die Karawane aus Giraffe, Kühen und Pflegern eine Unterkunft zu bestellen und über die anstrengenden Auftritte Zarafas zu verhandeln, bald rapportiert er dem Präfekten über "das arme kleine Mädchen, die Adoptivtochter Ihrer Familie". Und während er den Einsatz für den "Kameloparden", das Zwitterwesen von Kamel (Kopf) und Leopard (Fell), mit Gesundheitsbeschwerden bezahlt, wächst der Ruhm Zarafas und die Bewunderung des Lesers für Allins Kunst. Das Buch ist, wie seine Heldin, ein Hybrid. Mit dem Kopf steckt es in der Geschichte von Zoologie und Diplomatie und beweist trotz komplexer Erzählstränge kühlen Überblick. Seine Seele aber gehört "Tausendundeiner Nacht". Insofern ist es nicht mehr als eine Fußnote und außerdem wenig erstaunlich, dass die Giraffe ihre diplomatische Mission nicht erfüllte. Frankreich vernichtete die Flotte Mehmed Alis, und Drovetti, der in Paris intervenieren wollte, erlebte den Höhepunkt der "Zarafamanie". Doch sosehr sich auch die Pariser für die wundersame Sendung ihres Feindes begeisterten, das Geschenk Michael Allins ist kein geringeres. "Zarafa" gibt dem Leser, was Drovetti und Mehmed Ali besaßen, ebenso die Tierpfleger, Saint-Hilaire schon von Berufs wegen und wohl auch Napoleon: die Gabe des Staunens.

          Michael Allin: "Zarafa". Die außergewöhnliche Reise einer Giraffe aus dem tiefsten Afrika mitten nach Paris. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Schuler. Diana Verlag, München 1999. 230 S., Abb., geb., 34,- DM.

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